Saarbrücken 30.9.04, 1.10.04 und 24.6.05
(Günther Grass aus: Literatur in der Schule. Gespräch mit Carl-Heinz Evers und Peter E. Kalb, in: betrifft: erziehung,13/1980, H. 718, S. 106)
„Der Laie hat für gewöhnlich, sofern er ein Liebhaber von Gedichten ist, einen lebhaften Widerwillen gegen das, was man das Zerpflücken von Gedichten nennt, ein Heranführen kalter Logik, Herausreißen von Wörtern und Bildern aus diesen zarten, blütenhaften Gebilden. Demgegenüber muss gesagt werden, dass nicht einmal Blumen verwelken, wenn man in sie hineinsticht. […] Wer das Gedicht für unnahbar hält, kommt ihm wirklich nicht nahe. In der Anwendung von Kriterien liegt ein Hauptteil des Genusses. Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön."
(Bertolt Brecht, Aus: Über das Zerpflücken von Gedichten. Werkausgabe Suhrkamp, Bd. 19, S. 392 f.)
Wie denn nun: Ist das Interpretieren schädlich für die Lust am Lesen oder nicht? – Oder fördert eine gezielte Interpretation gar durch das genaue Hinschauen den Genuss bei der Rezeption? Von welcher Art Interpretation spricht Grass? – Er geht wohl aus von einem Literaturunterricht, der die Schülerinnen und Schüler an kurzer Leine hinführt zu der vorgegebenen „richtigen" Interpretation des Lehrers, und so konstatiert er nüchtern: „Literatur in deutschen Schulen ist – solange ich zurückdenken kann, bis in meine relativ kurze Schulzeit (ich bin nur bis zum Alter von 15 Jahren zur Schule gegangen) – eigentlich immer ein Alptraum gewesen. Früher war das alles von rechts gefüttert, dann kam die Phase von links, aber in den Grundverhaltensweisen hat sich leider nichts geändert: es herrscht vor die Interpretationssucht." Dabei kann man, um einen berühmten Satz Watzlawicks abzuwandeln, überhaupt nicht nicht-interpretieren. Der Leseprozess selbst ist schon in dem Sinne eine Interpretation, als sich der Lesende eine Vorstellung vom Gelesenen bildet, als er das neu Erfahrene einreiht in seinen eigenen Horizont. In diesem Zusammenhang taucht mittlerweile immer öfter der von Waldmann geprägte Begriff der „produktiven Hermeneutik" auf, der zwar einerseits etwas Tautologisches hat, andererseits aber dazu taugt, die didaktische Richtung zu bezeichnen, in die der moderne Literaturunterricht geht: Er hat das Fahrwasser zu finden zwischen der Skylla des bloßen zweckfreien Gestaltens und der Charibdys eines fragend-entwickelndenUnterrichts, in dem die Schülerinnen und Schüler nachzuvollziehen haben, was die Lehrkraft vorgibt. Im einen Fall sehen wir einen unverbindlichen Spaß-Unterricht, in dem die literarischen Texte zum Vehikel für beliebige Schülerprodukte werden, im andern Fall werden die Lernenden zu bloßen Rezipienten eines vorgefertigten, vermeintlich objektiven Interpretationsmusters im Grass'schen Sinne. Und in der Tat wird Literaturunterricht auch heute noch oft unter der Zielvorstellung gesehen, den Schülerinnen und Schülern beizubringen, wie man interpretiert.
Nun verbirgt sich hinter dieser Formulierung „den Schülerinnen und Schülern beibringen, wie man interpretiert" schon ein gewisser Widerspruch, denn der Kern des Interpretierens kann nicht gelehrt werden, er ist vom Subjekt des Interpretierenden nicht loslösbar. Mit anderen Worten: Im Mittelpunkt des Kommunikationsprozesses zwischen Text und jugendlichem Leser darf nicht nur der Text als Erkenntnisziel stehen, sondern es gibt hier zwei Subjekte; Text und Leser stehen sich gleichberechtigt gegenüber, und dies ist auch notwendig, wenn der Leseprozess nicht den Charakter einer bloß rezeptiven Vermittlung von Lerninhalten haben soll, wie beispielsweise beim Lesen von zu lernenden Vokabeln. Analytische und produktive Verfahren sind mitnichten Gegensätze und treten auch nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich, sind in jedem Leseprozess eng miteinander verbunden und nicht voneinander zu trennen. Das Lesen – zumal literarischer Texte – ist immer nur eine Annäherung an diese auf dem Hintergrund der je eigenen Erfahrungen, Lebensgeschichte und des eigenen Weltwissens. Ein objektives Verstehen von Literatur ist nicht möglich.
Dieser Erkenntnis muss nun natürlich auch eine entsprechende Struktur von Prüfungen entsprechen. Kopfermann betont, dass
Hinzu kommt, dass in einem Literaturunterricht, der geprägt ist von der Dominanz des Unterrichtsgesprächs und der Vermittlung lediglich deklarativen Wissens ebenso, wie in einem Unterricht, der von Beliebigkeit gekennzeichnet ist, die Lesebereitschaft und Freude am Lesen oft auf der Strecke bleiben.
Andererseits boomt der Markt mit Modellinterpretationen von Pflichtlektüren für das Abitur: Die Lernenden glauben damit das von ihrer Lehrkraft vermeintlich zurückgelassene Wissensdefizit ausgleichen zu können, und die Lehrkräfte kaufen die Titel, weil sie sonst ein schlechtes Gewissen haben oder weil sie schlicht unsicher sind und gerne etwas Handfestes als Basis für ihren eigenen Unterricht haben wollen. In der Praxis der Gedichtinterpretation beispielsweise heißt das nur zu oft, dass man tunlichst mit einer Form"analyse" (es ist in der Regel nichts als eine funktionslose Beschreibung) anfängt.
Was eigentlich gedacht ist als grundsolides Arbeiten mutiert häufig in den Prüfungsergebnissen zu einer schablonenhaften Pflichterfüllung ohne wirkliche Substanz.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der Einsatz von Lernhilfen, Modellanalysen und Schülerheften ist natürlich durchaus legitim, in vielen Fällen sinnvoll und in höchstem Maße verständlich. Aber er ist eben nicht ohne Gefahren: Derartige Handreichungen suggerieren nämlich nichts anderes, als dass es einen Dietrich gäbe für alle Romane, Gedichte, Kurzgeschichten usw., den man sich einmal aneignen müsse und mit dem man dann, einem bestimmten Schematismus folgend, alle noch so kryptischen Texte entschlüsseln und mithin zur Zufriedenheit der Lehrkraft interpretieren könne.
Und das ist alles ja gar nicht prinzipiell falsch. Ein gewisses Inventar an Beobachtungkriterien kann den Schülerinnen und Schülern durchaus einen Eindruck dessen vermitteln, worauf sie, wenn sie sich auf einen Text genauer einlassen, überhaupt achten können. Nur wer z.B. weiß, was unter „Zeilenstil" zu verstehen ist, wird bei der Analyse eines Gedichts aus dem Expressionismus auf diese Besonderheit achten und sie in der Gesamtinterpretation bedenken. Und nur, wer ein Metrum analysieren kann, wird merken, dass der letzte Vers in Rilkes Panther eine Hebung weniger hat als der Rest des Gedichts und weiß mit dieser Tatsache vielleicht sogar interpretatorisch etwas anzufangen. Insofern haben derlei Kenntnisse durchaus ihren Sinn. Aber sie sind eben nicht per se schon eine gelungene Interpretation. Hier ist ein variantenreicher, handlungsorientierter Unterricht erfolgversprechender.
Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil bzw. Missverständnis muss in jedem Fall die Textanalyse Zielpunkt der verschiedenen Methoden eines handlungsorientierten Unterrichts sein. – Wohlgemerkt: die Textanalyse, nicht etwa die Textbeschreibung. Man kann ein Gedicht beschreiben lassen (Metrum, Reimschema, Kadenzen, Rhythmus, Lautfolgen, Assonanzen, Alliterationen, Sonettform, Standort des lyrischen Ichs, Motive usw., usw.). Textbeschreibung statt lebendiger Analyse. Seitenlang schleppt sich dann eine müde Karawane an deskriptiven Platitüden über die Seiten, unüberschaubar die zahlreichen Höcker aus Hebungen und Senkungen. Und noch ein Stilmittel!
Ist jetzt das Gedicht interpretiert?
Häufig erweist sich diese Art der Textbeschreibung als eines von zwei (meist recht unansehnlichen) Janusgesichtern: Das zweite ist nämlich die spekulative Konstruktion von Sinn und Gehalt. Die Schülerinnen und Schüler mühen sich ab um zu ergründen, was nun mit dem Gedicht vielleicht gemeint sein könnte, und ergehen sich in gewagten Spekulationen mit dem schlussendlichen Hinweis, dass ja keiner genau sagen könnte, dass der Dichter genau das nicht gemeint habe und dass die Ausführungen ja nicht der Formbeschreibung widersprächen.
Angesichts dieses interpretatorischen Doppelschlags sitzt der Korrigierende nach getaner Arbeit da und sieht betroffen: Das Heft ist zu, doch alle Fragen offen.
Hier setzt der handlungsorientierte Unterricht neue
Zeichen. Wenn der Textanalyse beispielsweise ein kreativer
schriftlicher Gestaltungsauftrag vorausgeht, dann sind alle
Schülerinnen und Schüler beteiligt, dann besitzt auch der Scheue eine
gewissermaßen handwerkliche Grundlage, auf die er sich sprachlich
stützen kann. Jetzt zählen auch andere Begabungen als die rein
sprachliche Ausdrucksfähigkeit und die Fähigkeit, die Erwartungen des
Lehrers zu antizipieren. es muss die Schülerinnen und Schüler
herausfordern und auffordern, kreativ zu sein, produktiv zu werden,
selbst Texte zu verfassen, um zu erkennen, wie Texte gemacht sind. Der
Weg des Lernenden wird so zum Ziel des Lernens. In einer rezeptiv
ausgerichteten Medienlandschaft muss es ein zentrales Anliegen der
Schule und des DU sein, den Schülerinnen und Schülern das Bewußtsein zu
vermitteln, dass es Spaß macht und auch wichtig ist, selbst etwas zu
schreiben, mit Worten umzugehen, Sachverhalte auszudrücken.
Der konventionelle Deutschunterricht ist in weiten Bereichen
handlungsarm. Lehrerzentrierte Verfahren, lehrergelenkte
Unterrichtsgespräche, enge Führung der Lernenden und rezeptives Lernen
auf Seiten der Schülerinnen und Schüler prägen die einzelnen Stunden.
Anders dagegen die kreative Analyse der produktiven Verfahren. Hier
gibt man den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, sich
gewissermaßen mit dem Text zusammenzusetzen, bevor sie sich mit
ihm auseinandersetzen. Im Vordergrund steht nicht die
Vermittlung von Literatur an den Schüler als Rezipienten, sondern
vielmehr das Vermitteln zwischen dem Schüler und der Literatur. Man
bringt ihm Literatur nicht bei,
sondern bringt sie ihm nahe.
Zielpunkt der verschiedenen Methoden eines handlungsorientierten Unterrichts muss aber in jedem Fall die Textanalyse sein. Sie ist keine leidige Begleiterscheinung, sondern die verschiedenen – auch kreativen – methodischen Zugriffe auf den Text sollen letztendlich dazu dienen, dass die Schülerinnen und Schüler beim Lesen genau hinsehen und das eigene Vorverständnis kritisch am Text hinterfragen lernen. Damit die erleichtern die kreativen Zugriffe auf den Text dessen Verständnis und bereiten seine Interpretation vor. Ich möchte dieses Verfahren des gestaltenden Zugang zum Text die kreative Analyse nennen. Am Beispiel von Kunerts Gedicht „Film – verkehrt eingespannt" möchte ich zwei Formen der Textadaption miteinander vergleichen [vgl. dazu auch mein Referat zur "kreativen Analyse", aus dem dieses Unterrichtsmodell stammt].
Wir überlegen uns vorab, aus welcher Perspektive man ein solches Geschehen filmen könnte. Zeigt die Kamera den Todeskandidaten in seiner Angst? Oder wird alles aus der Distanz eines Unbeteiligten verfolgt? Wie bewegt sich die Kamera, was zeigt sie in der Totalen, was als Nahaufnahme, wie sind die Farben des Films?
Günter Kunert, wählt in seinem Text eine ganz eigenartige Perspektive: Er stellt das Geschehen rückläufig dar und verfremdet es dadurch. Der Leser wird stutzig.
Die Schülerinnen und Schüler erhalten nun bei einer kreativen Analyse die Aufgabe, den Film „richtig herum" einzuspannen und die Ereignisse des Texts in die richtige Reihenfolge zu bringen. Wer dies einmal versucht und dabei genau hinschaut, wird schnell merken, dass es gar nicht so einfach ist.
In der Umdrehung des Textes sieht das lyrische Ich beispielsweise die Soldaten auf sich zukommen, hört auch, wie sie singen (sie schnappen die Töne nicht aus der Luft in sich hinein, sondern stoßen sie im Gegenteil mit ihrer Atemluft aus). Unmittelbar darauf fühlt der Delinquent auch schon ihre Geschosse in seine Brust einschlagen, und er sinkt langsam um (im Gedicht „erhebt" er sich). Die Aufgabe, den „Film" im richtigen Ablauf zu drehen, sich das Geschehen bildlich vorzustellen, wirft natürlich zahlreiche weitere Fragen auf, deren Bearbeitung gewissermaßen automatisch in eine Interpretation des Gedichtes mündet:
Fragen über Fragen, die zum Teil nur durch intensive Analyse des Texts gelöst werden können.
Kunert verfremdet seinen Text, indem er die zugrunde
liegende Begebenheit gewissermaßen „posthum" beschreibt. Er baut von
sich aus schon einem automatisierten Lesen vor und verhindert damit,
dass man das Gedicht genauso konsumiert wie die zahllosen Kriegsbilder
und TV-Kriegsberichte, die man immer wieder in sich aufnimmt, ohne sie
wirklich zu speichern. Er löst die Handlung aus dem Rahmen der
„Normalität" und zwingt den Leser zum Mitdenken. Möglich wird dies
durch den im Titel erwähnten Kunstgriff: Ein „Film" wird verkehrt
eingespannt und läuft deshalb rückwärts. Doch auch dieser Ablauf wird
noch perspektivisch gebrochen, indem Kunert die Begebenheit aus der
Ich-Perspektive erzählt. Darüber hinaus gebraucht er irritierende
sprachliche Wendungen (z. B. „zu meinen Häupten", V. 4). Durch diese
mehrfache und mehrschichtige Brechung des erzählten Geschehens macht
Kunert dessen ganze Brutalität deutlich und nimmt ihm jeden Anschein
des Alltäglichen. So wird bei einer (chronologisch richtigen)
Betrachtung des Ablaufs deutlich, dass der Delinquent beispielsweise
die Soldaten auf sich zukommen sieht und hört, wie sie singen (sie
„schnappen" die Töne nicht aus der Luft in sich hinein, sondern stoßen
sie im Gegenteil mit ihrer Atemluft aus). Unmittelbar darauf fühlt er
auch schon ihre Geschosse in seine Brust einschlagen und er sinkt
langsam um (im Gedicht „erhebt" er sich). Es fällt auf, dass dieses
Umsinken praktisch der einzige Vorgang ist, der langsam vonstatten
geht. So scheint der Deckel des roh gezimmerten Sarges (der „Kiste")
sehr schnell zuzuklappen, denn Kunert nennt diesen Vorgang in einem
Atemzug und im gleichen Satz mit dem Einschlagen der Gewehrkugeln und
dem Niedersinken des Opfers („…und fühlte gleich", V. 9). Das heißt für
die Szenerie, dass der Erschossene zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung
bereits im Sarg stehen muss, damit man ihn sofort nach dem Umfallen
unter die Erde bringen kann. Und der Sarg wird denn auch unmittelbar,
nachdem der Deckel geschlossen ist, ins Grab hinab gesenkt („Die teure
Schachtel […] stieg schnell empor…", V. 6 f.). Die Eile, in der sich
alles abspielt, wird im Übrigen auch in dem eindrücklichen Bild der
Erdschollen deutlich, die „flatternd zur Schaufel zurück" fliegen (vgl.
V.4 f). Nebenbei: Die Gleichgültigkeit der Henker ihrem Opfer gegenüber
zeigt sich während dieses Vorgangs durch euphemistische Ausdrücke wie
z.B. „teurer Verblichener", die sicherlich in ironisierender Absicht
gewählt wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt hat Kunert erst zwei Sätze auf
die ganze Geschichte verwendet: Der erste beschreibt, wie die Soldaten
anmarschieren und schießen, der zweite dauert vom Einschlagen der
Geschosse bis zum Hinabsenken des Sarges ins Grab, wobei beide Sätze
bezeichnenderweise nur durch einen Doppelpunkt voneinander geschieden
sind, was ihre enge Zusammengehörigkeit betont. Auch dies kennzeichnet
die teilnahmslose Schnelligkeit, mit der alles abläuft. Die Handlungen
sind automatisiert, fast simultan.
Die inhaltliche wie formale Achse des Textes ist der Satz: „Der Deckel
klappte hoch" (V. 8). Dieser Vers markiert den Übergang vom Hier zum
Dort, vom Hellen zum Dunklen, vom Leben zum Begrabensein. Doch die
letzte Aussage macht stutzig! Wie kann der „Erschossene" überhaupt
mitbekommen, dass er beerdigt wird? Hier wird nun klar, dass der Mann
nicht durch die Gewehrkugeln stirbt, sondern lebendig begraben wird.
Und bei näherem Hinsehen errät man auch die wirkliche Todesursache: Er
stirbt im „atemlosen Schwarz der Kiste" (V. 2), das bedeutet, er
erstickt. Dieser – chronologisch gesehen – zweite Teil besteht nun aus
vier recht kurzen Sätzen; es wird nicht mehr die Schnelligkeit eines
Verlaufs betont, sondern die nach dem Hinabsenken des Sarges
einkehrende Bruchstückhaftigkeit der Wahrnehmung – hervorgerufen durch
zeitweilige Bewusstlosigkeit des lebendig Begrabenen?
Im Unterrichtsgespräch, das sich dem Arbeitsauftrag anschließt, werden die Beobachtungen und Lösungsvorschläge auf die Übereinstimmung mit dem Text überprüft. Dabei kommt es natürlich nicht auf Vollständigkeit an, sondern der Weg, das eigenständige Auseinandersetzen der Schülerinnen und Schüler mit dem Text, ist schon ein großes Stück Ziel. Die Jugendlichen entwickeln dabei nämlich auf Dauer Strategien, Methoden der Interpretation, und das ist allemal nützlicher als jede noch so gute Handreichung, die lediglich adaptiert wird. Die Schülerinnen und Schüler lernen keine „Patentrezepte", sondern eignen sich über die Methodenvielfalt des Unterrichts mehrere verschiedene Herangehensweisen an, die sie dann auf einen unbekannten Prüfungstext anwenden. Sie lernen, mit diesem in dem Sinne kreativ umzugehen, als sie seine Offenheit, seine mögliche Vieldeutigkeit erkennen.
Man sieht, das vermeintliche Spannungsfeld zwischen
handlungsorientiertem Unterricht und der Forderung nach detailgenauer
Interpretation auch und gerade in Prüfungen löst sich auf und wird
sogar zu einem Beziehungsgeflecht.
Nun sollte aber an Kunerts Text auch gezeigt werden,
wo das gestaltende Interpretieren ansetzt und wo die Unterschiede zur
kreativen Analyse liegen. Sicherlich ist die Textsorte Lyrik wohl die
am wenigsten geeignete für gestaltende Interpretationsaufgaben, aber
ich möchte durch die folgenden Beispiele zeigen, dass selbst hier
sinnvolle Aufgaben möglich sind. Anders als beispielsweise beim
kreativen Schreiben, das nur von einer Schreibaufgabe ausgeht, muss
beim „gestaltenden Interpretieren" gemäß der Aufgabe ein Bezug zu dem
zugrunde liegenden Text vorhanden sein. In unserem Beispiel, dem
Gedicht von Kunert, könnte eine gestaltende Interpretation so aussehen,
dass die Schülerinnen und Schüler eine Kurzgeschichte aus der
Perspektive eines Beobachters (Er- oder Ich-Erzählform) oder den
Beitrag eines Kriegsberichterstatters oder Vertreters einer
Menschenrechtsorganisation verfassen. Ebenso könnte man sie einen
inneren Monolog eines der anmarschierenden Soldaten schreiben lassen
(ist der Erschossene wirklich ein Kriegsgegner? Könnte es nicht auch
ein Deserteur, ein Freund eines der Soldaten sein)?
Diese Deutung wählt zumindest Adelbert von Chamisso in seinem Gedicht
Der Soldat:
Es geht bei gedämpfter Trommel Klang;
Wie weit noch die Stätte! der Weg wie
lang!
O wär' er zur Ruh' und alles vorbei!
Ich glaub', es bricht mir das Herz
entzwei!
Ich hab' in der Welt
nur ihn geliebt,
Nur ihn, dem jetzt man den Tod doch gibt.
Bei klingendem Spiele wird paradiert,
Dazu bin auch ich kommandiert.
Nun schaut er auf zum
letztenmal
In Gottes Sonne freudigen Strahl, –
Nun binden sie ihm die Augen zu,
Dir schenke Gott die ewige Ruh'.
Es haben die Neun wohl
angelegt,
Acht Kugeln haben vorbeigefegt;
Sie zitterten alle vor Jammer und Schmerz
Ich aber, ich traf ihn mitten ins Herz.
Auch und gerade die gestaltende Interpretation zwingt
die Schülerinnen und Schüler dazu, über den bereits analysierten Text
hinaus gewissermaßen dessen Peripherie wahrzunehmen, sich Gedanken über
das Ungesagte zu machen und Überlegungen zur möglichen Aussageabsicht
in einen Kontext verschiedener Alternativen zu stellen und nicht eine
Lösung zu verabsolutieren. Außerdem kommt nun auch automatisch der
Aspekt der literarischen Wertung, der persönlichen Stellungnahme hinzu.
Der Schüler / die Schülerin kann sich dem Text nicht entziehen, muss
sich ihm stellen, und zwar auf eine sehr persönliche Art – hier ist die
reine Textanalyse kälter, distanzierter, unbeteiligter. Dies stellt
freilich für viele eine zusätzliche Schwierigkeit dar, für ebensoviele
aber auch eine hervorragende Chance, aus sich herauszugehen und dabei
doch gerade zu sich zu kommen. Ein weiterer Text, der sich nahtlos in
diesen Kontext fügt, ist die beklemmende "Kleine
Begebenheit" von Kurt Tucholsky, eine Kurzgeschichte, die sich sehr
gut für Aufgaben zum gestaltenden Interpretieren eignet.
Freilich stellt auch dies die Schülerinnen und Schüler schon vor hohe
Anforderungen und man darf nicht erwarten, dass alle derart subtile,
wenngleich wichtige Details erkennen. Aber es ist dennoch möglich, die
Atmosphäre des Gedichts in Prosa umzusetzen und das Anliegen Kunerts
mit seinem Text in einer Kurzgeschichte ebenso zu vermitteln. Heraus
kommt etwas anderes als bei der kreativen Analyse: ein Produkt, das
vielleicht nicht alle Textdetails so genau wahrnimmt wie bei einer
zeilenweisen Umsetzung in einen richtig herum eingespannten Film, wohl
aber eine Umsetzung in Prosa, die häufig gekennzeichnet ist von einer
sensiblen Beobachtung und Schilderung der vorgegebenen Situation und
vor allem des Innenlebens und des Aussehens von Beteiligten. Auf jeden
Fall wird mit diesen Methoden erreicht, dass die Schülerinnen und
Schüler über das bessere Textverständnis hinaus zwei Dinge lernen oder
zumindest affektiv erfassen: Der Rezipient eines Textes ist immer
zugleich sein Produzent. Lesen ist nicht nur rezeptiv, sondern der
Leser bringt sich, seine Erfahrungen und seine Vorstellungswelt beim
Leseprozess mit ein und manipuliert somit unbewusst den Text.
Zweitens: Jedes Gedicht, jeder literarische Text muss in einer Auswahl
möglicher Alternativen gesehen werden, aus denen der Autor eben die
vorliegende spezielle Version ausgewählt hat – meist mit gutem Grund,
den es zu reflektieren gilt. Der Vergleich mit anderen Möglichkeiten,
mit alternativen Versionen schärft den Blick für Spezifika des
jeweiligen Textes.
Als Textsorten für eine gestaltende Interpretation
wurden in Baden-Württemberg leider nur vier als „abiturabel" befunden.
Wir haben den Brief, den Dialog, den Tagebucheintrag und den inneren
Monolog.
Die Unterschiede zwischen den vier Aufgabentypen liegen auf der Hand:
Brief und Dialog sind adressatenbezogen, wobei der Brief gewissermaßen
ein verschriftlichter einseitiger Dialog ist – im Unterschied zum
Tagebucheintrag, der eher der verschriftlichten Version des inneren
Monologs entspricht. Wir haben also zweimal zwei Parameter: geschrieben
bzw. gesprochen einerseits, partnerbezogen bzw. ichbezogen andererseits.
| Bereich Schreiben | Bereich Sprechen/ Denken | |
| nach innen gewandt | Tagebucheintrag | innerer Monolog |
| partnerbezogen | Brief | Dialog |
Dieser Struktur entsprechen natürlich bestimmte Konventionen, die beim
Schreiben zu bedenken sind.
Der Tagebucheintrag rekapituliert Ereignisse oder Erlebnisse und
reflektiert sie. Dabei sollte natürlich die Wiedergabe äußeren
Geschehens eher marginal bleiben, denn das ist in aller Regel ja
bereits bekannt. Darüber hinaus sollte die Stilebene des Eintrags der
schreibenden Person angemessen sein, wobei es nicht immer einfach sein
dürfte, dies zu beurteilen, und es steht zu befürchten, dass gerade bei
derlei Aufgaben doch eine gehörige Portion Beliebigkeit mit ins Spiel
kommt: Ist es der in Frage stehenden Person zum Beispiel zuzutrauen,
dass sie manches nur in Stichworten wiedergibt? Oder beginnt etwa Luise
von Briest ihren Eintrag wirklich mit der Floskel: „Liebes
Tagebuch..."? Beim Tagebucheintrag gibt es immer wieder die immanente
Schwierigkeit der Subjektivität des Geschriebenen und der verlockenden
Nähe zum trivialen Kitsch im Sinne der gängigen Fernsehsoaps – was
ohnehin allein vom sprachlichen Aspekt her ein großes Problem fast
aller gestaltenden Interpretationen darstellt. Die Schülerinnen und
Schüler beurteilen eine derartige Aufgabe sehr schnell weniger vom
zugrunde liegenden Text aus als von ihrer persönlichen (Fernseh-)
Erfahrung.
Ein innerer Monolog gibt in Ich-Form und im Präsens die Sichtweise und
Seinslage der schreibenden fiktiven Figur wieder. Ein Erzähler taucht
nicht auf. In der Terminologie von Petersen (Einführung in die neuere
deutsche Literaturwissenschaft, Schmidt-Verlag, Berlin 1989) müsste
also die personale Ich-Form verwendet werden. Der Text wird Brüche
aufweisen, innere Konflikte werden aufbrechen und sich in einem Ringen
um Entscheidungen äußern. Gedanken entfalten sich sprunghaft,
assoziativ und oft ohne innere Kohärenz. Darüber hinaus neigen
Schülerinnen und Schüler leicht dazu, Gedanken einer Person so zu
formulieren, wie man nie denken würde. Kann das alles wirklich
wahr sein? Erst gestern habe ich mir einen absolut sicheren Plan
zurechtgelegt. Und nun soll das alles hinfällig sein? Aber ich bin mir
trotzdem sicher, was ich tun werde!
Folge: Derlei Texte sind überaus schwierig zu bewerten, weil sie
schlecht mit übergeordneten Maßstäben zu messen sind. Sie sind im Wesen
subjektiv und von daher von Haus aus mit einer gehörigen Portion
Beliebigkeit ausgestattet. Erfahrungsgemäß eignet sich eine
Erzählperspektive besser, in der die Schülerinnen und Schüler zwar die
Innensicht einer handelnden Person einnehmen, von der Perspektive her
aber eine gewisse Distanz wahren, zum Beispiel, indem sie in der
erlebten Rede schreiben (also, wie gesagt, aus der Innensicht einer
Person, aber nicht in direkter Rede und in der dritten Person und im
Präteritum: Herr K. wandte sich um: Konnte das alles wirklich wahr
sein? Erst gestern hatte er sich einen absolut sicheren Plan
zurechtgelegt. Und nun sollte das alles hinfällig sein? Aber er war
sich trotzdem sicher, was er tun würde!)
Hier haben wir alle Vorteile des inneren Monologs, gleichzeitig aber
nicht dessen Probleme in der Umsetzung und Bewertung. Darüber hinaus
begleitet und die erlebte Rede in unseren täglichen Lesegewohnheiten
auf Schritt und Tritt, wir werden durch sie beeinflusst, geradezu
manipuliert, ohne dies auch nur wahrzunehmen.
Im Brief werden – im Unterschied zum Tagebucheintrag – eher Handlungen
und Haltungen begründet als gesucht. Gedanken werden dargelegt,
entwickelt, das Niedergeschriebene ist die Folge aus vorangegangener
Reflexion, während diese im inneren Monolog gerade stattfindet. Bei der
Themenstellung wäre insbesondere darauf zu achten, dass der Brief nicht
an irgendjemenden geschrieben wird und seine Form wie sein Inhalt
letztendlich eher beliebig sind, sondern dass der Adressat des Brief
auch eine bestimmte Schreibweise nahelegt. Nicht jedem kann man in
beliebigem Stil alles schreiben. So müssten also Parameter wie
Stilebene, Selektion der Inhalte, Schreibabsicht (wird belehrt,
kritisiert, gebeten, gelobt...) schon aus dem Verhältnis des
Schreibenden zum Empfänger des Briefes nahegelegt werden und ein
Beurteilungskriterium wäre die Frage, wie gut der Brief inhaltlich und
sprachlich zum Empfänger passt. Es kommt also nicht nur darauf an, wie
gut darin das Thema getroffen wird, um das es gehen soll.
Der Dialog wiederum ist getragen von einem bestimmten Verhältnis der
beiden kommunizierenden Personen zueinander und es geht folglich auch
darum, z.B. mittels indirekt formulierter Sprechakte dieses Verhältnis
über das lokutiv Geäußerte hinaus transparent zu machen. Außerdem
müssen sich Gesagtes und Erwidertes entsprechen, eine
Gesamtaussageabsicht, eine Gesamtkonzeption und -komposition muss auf
zwei Personen verteilt werden, die – im Optimalfall – in ihrer
unterschiedlichen Persönlichkeit deutlich werden. Weniger gelungen ist
ein Dialog, bei dem eine Person der anderen nur Stichworte für deren
verkappten Monolog liefert. Wichtig ist natürlich auch, dass die
situative Einbindung des Dialogs deutlich wird – zum Beispiel auch
durch Regieanweisungen, die ihrerseits klar, aber nicht ausufernd sein
sollten. Der Dialog setzt letztendlich die Fähigkeit voraus,
gleichzeitig aus zwei verschiedenen Positionen heraus eine Situation,
ein Thema, eine Streitfrage o.Ä. zu beleuchten und zu kommentieren.
Wenn hierbei noch individuelle Charakterfärbungen der Personen deutlich
werden, ist dies eine ganz besondere Leistung. Die beiden
letztgenannten Aspekte verbinden den Dialog mit dem Brief.
Denkbar und sinnvoll wäre es natürlich, perspektivische Umformungen
vornehmen zu lassen, Leerstellen in Texten füllen zu lassen, Motive
auszugestalten und vieles andere mehr – die EPA nennen zum Beispiel
noch die Rollenbiographie und das Plädoyer, das Notieren von Gedanken
und Stimmungen einer Person sowie das Arrangemant fiktiver Gespräche –
bis hin zu einem Gespräch zwischen literarischer Person und
jugendlichem Leser.
In Baden-Württemberg finden wir hauptsächlich die Aufgabe, einen Brief
zu schreiben – fatalerweise mitunter sogar von Personen, die im Leben
wohl keinen Brief schreiben würden. Hinzu kommt, dass der Brief nicht
gerade eine Textsorte ist, mit der unsere an Handy, E-Mails und SMS
gewohnten Schülerinnen und Schüler gewandt umgehen können. Die
Ergebnisse sind oft entsprechend und es erhebt sich die Frage einmal
nach der Beurteilung derartiger Arbeiten und den möglichen und
notwendigen Kriterien, zum zweiten nach den Möglichkeiten, derartige
Schreibformen im Unterricht sinnvoll zu üben.
Um es vorwegzunehmen: Gestaltendes Interpretieren heißt nicht, von einem Text ausgehend beliebig drauflos zu schreiben. Wir verstehen darunter vielmehr die schöpferische Textproduktion auf der Basis des in Frage stehenden Texts. Letzteres ist von zentraler Bedeutung und nimmt der Aufgabe ihre Beliebigkeit. In den „Einheitlichen Prüfungsanforderungen der Kultusministerkonferenz heißt es:
Oft mit dem handlungsorientierten Zugriff auf einen Text verwechselt werden Aufgaben zum gestalteten Interpretieren. Führt ersteres zum Text und seiner Analyse hin, geht letzteres eben davon aus.
Wer einen Text gestaltend interpretieren will – und wir verstehen darunter schöpferische Textproduktion auf der Basis des jeweiligen in Frage stehenden Texts –, muss diesen Text erst einmal gründlich gelesen und für sich selbst interpretiert haben, ehe er ihn weiterschreiben, perspektivisch verändern, in eine andere Textsorte transponieren oder eben ausgestalten kann. Dieser Operator „gestalten" folgt ganz bestimmten Regeln. Anders als beispielsweise beim kreativen Schreiben, das nur von einer Schreibaufgabe ausgeht, muss „gestaltendes Interpretieren" gemäß der Aufgabe ein Bezug zu dem zugrunde liegenden Text vorhanden sein. In unserem Beispiel, dem Gedicht von Kunert, könnte eine gestaltende Interpretation so aussehen, dass die Schülerinnen und Schüler eine Kurzgeschichte aus der Perspektive eines Beobachters (Er- oder Ich-Erzählform) oder den Beitrag eines Kriegsberichterstatters oder Vertreters einer Menschenrechtsorganisation u.Ä verfassen. Freilich stellt auch dies die Schülerinnen und Schüler schon vor hohe Anforderungen und man darf nicht erwarten, dass alle derart subtile, wenngleich wichtige Details erkennen. Aber es ist dennoch möglich, die Atmosphäre des Gedichts in Prosa umzusetzen und das Anliegen Kunerts mit seinem Text in einer Kurzgeschichte ebenso zu vermitteln. Heraus kommt etwas anderes als bei der kreativen Analyse: ein Produkt, das vielleicht nicht alle Textdetails so genau wahrnimmt wie bei einer zeilenweisen Umsetzung in einen richtig herum eingespannten Film, wohl aber eine Umsetzung in Prosa, die häufig gekennzeichnet ist von einer sensiblen Beobachtung und Schilderung der vorgegebenen Situation und vor allem des Innenlebens und des Aussehens von Beteiligten. Die Ergebnisse sind in der Regel weniger analytisch, lassen aber erkennen, dass der zugrunde liegende Text in seiner Aussage- und Wirkungsabsicht durchaus erfasst wurde.
Gestaltendes Interpretieren darf also nicht verwechselt werden mit kreativem oder gestaltendem Schreiben und schon gar nicht mit freiem Schreiben. Letzteres ist nicht an eine literarische Vorlage gebunden, sondern lediglich an einen Schreibimpuls oder ein Thema (s. Übersicht). Das gestaltende Interpretieren ist viel kognitiver ausgerichtet und kommt von einer dezidiert hermeneutischen Literaturtheorie her. Die Aufgabenstellung arbeitet mit Leerstellen im Text, natürlich nicht im engeren Sinne (Lücken o.ä.), sondern mit Ungesagtem, mit Freiräumen, mit automatischen Ausgestaltungen, die der Leser mit jedem Text vornimmt. Iser nennt dies literarische Unbestimmtheitsstellen. Es legitimiert sich vom literarischen Text her, das schreibende Subjekt ist diesem untergeordnet. Gestaltendes Interpretieren findet nach dem Prozess des Analysierens statt und ist dessen Folge und Umsetzung in eine alternative Form, in einen fiktionalen Text. Es ist gewissermaßen eine fiktionale Textanalyse, verbunden mit einer zum Text passenden Weiterführung der Intentionen des Autors. Kopfermann und Waldmann sprechen von einer „produktiven Hermeneutik".
| Die
kreative Analyse ist, wie wir oben gesehen haben, die zentrale
Erscheinungsform
des produktionsorientierten Unterrichts, wie er in den verschiedenen
Akzentuierungen der auf diesem Gebiet führenden Fachdidaktikern zum
Ausdruck kommt (Abraham, Frommer, Haas, Menzel, Spinner, Waldmann). Sie ist ein
Hilfsmittel, ein auf hermeneutischen Grundlagen basierender Zugang zur
Textanalyse. Der Leser wird an den Text herangeführt, indem seine analytische Auseinandersetzung mit diesem gewissermaßen "verzögert" wird (vgl. dazu meine Publikation zum "Verzögerten Lesen"). Auf dem Hintergrund seiner bisherigen Erfahrungen, seiner Erwartungen und seines Vorwissens geht der Rezipient an den Text heran, und zwar über den "Umweg" motivierender Methoden, wie z.B. die Vorgestaltung, den Lückentext, die Visualisierung (Bilsimpuls etc.) und Ähnliches. Dann werden die Ergebnisse des Schülers / der Schülerin mit dem Originaltext verglichen und evtl. Unterschiede werden für die Interpretation nutzbar gemacht. Der Text wird in einem Umfeld möglicher Alternativen begriffen und damit werden seine Spezifika textanalytisch erarbeitet. Häufig wird dabei der Weg des Lernenden schon (fast) zum Ziel des Lernens. Wichtig: Die kreative Analyse führt stets zum Text hin! |
![]() |
| Das
sogenannte freie Schreiben, das in enger Anlehnung an
Freuds Aufsatz über den Dichter und das Phantasieren
Schreiben als Wunsch- und Trieberfüllung versteht, will vor- oder
unbewusste seelische Gehalte sichtbar machen – bis hin zu einer
Gestalttherapie. Die therapeutischen Möglichkeiten, die in einem
solchen Vorgehen im Einzelfall stecken mögen, sollen hier nicht
durchgängig in Abrede gestellt oder ironisiert werden, nur: Für den
Unterricht sind sie untauglich. Freies Schreiben ist etwas anderes als
kreatives Schreiben. Es geht im Unterschied zu diesem nicht von einem
Text oder einem Bild aus, sondern von einem Impuls. Es ist nicht
wirklich bewertbar und führt auch nicht auf einen Text hin. Es ist
selbstrelational. |
![]() |
| Kreatives
Handeln ist eine Art Auflösung der
Spannungsverhältnisses zwischen der inneren und der äußeren Realität
des Menschen. Die innere Realität, das sind Gefühle, Triebe, Wünsche,
die nur zu oft mit der äußeren Realität, der Umwelt, kollidieren. Und
so, wie beispielsweise ein kleines Kind in seinem Teddybären ein
sogenanntes Übergangsobjekt hat, ein Mittelding zwischen einem Teil
seiner selbst und einem Objekt aus seiner Umwelt, so stellen kreatives
Schreiben (auch gestaltendes Schreiben)
genannt (manche machen hier noch einmal eine Binnendifferenzierung),
und
Kultur überhaupt einen intermediären Bereich dar. Kreatives Schreiben
eröffnet multiperspektivische Möglichkeiten. Zu kreativem Schreiben
gehören Reflexion und
Gestaltung, Gefühl und Verstand sind gleichermaßen angesprochen.
Selbstausdruck und
Einlassen auf die Umgebung sind konstitutiv. Beispiele: Die Kleinen verfassen eine neue Szene aus Harry Potter. In der Oberstufe bieten sich Schreibaufgaben an, die in Anlehnung an einen gerade behandelten Text entstehen können: Werthers Schreibfeder berichtet von seinem Abschiedsbrief. |
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| Gestaltendes Interpretieren darf nicht verwechselt werden mit kreativem oder gestaltendem Schreiben und schon gar nicht mit freiem Schreiben. Letzteres ist, wie gesagt, nicht an eine literarische Vorlage gebunden, sondern lediglich an einen Schreibimpuls oder ein Thema. Das gestaltende Interpretieren ist viel kognitiver ausgerichtet und kommt von einer dezidiert hermeneutischen Literaturtheorie her. Die Aufgabenstellung arbeitet mit Leerstellen im Text, natürlich nicht im engeren Sinne (Lücken o.ä.), sondern mit Ungesagtem, mit Freiräumen, mit automatischen Ausgestaltungen, die der Leser mit jedem Text vornimmt. Iser nennt dies literarische Unbestimmtheitsstellen. Es legitimiert sich vom literarischen Text her, das schreibende Subjekt ist diesem untergeordnet. Gestaltendes Interpretieren findet statt nach dem Prozess des Analysierens und ist dessen Folge und Umsetzung in eine alternative Form, in einen fiktionalen Text. Es ist gewissermaßen eine fiktionale Textanalyse, verbunden mit einer zum Text passenden Weiterführung der Intentionen des Autors. Kopfermann und Waldmann sprechen von einer „produktiven Hermeneutik". | ![]() |
Hinweise
und Kriterien zur Bewertung gestaltender Interpretationen
Methodische Hinweise zur
Vorbereitung auf die gestaltende Interpretation im Unterricht
Literaturhinweise
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