© Reinhard Lindenhahn


ITG im Deutschunterricht der Klasse 5/6

Allgemeine Vorbemerkung: Der folgende Vortrag ist nur für den privaten Gebrauch bestimmt und darf nicht für Veröffentlichungen irgendwelcher Art verwendet oder ohne Erlaubnis des Verfassers vervielfältigt werden. Des weiteren ist er als mündlich vorgetragenes Referat weitgehend unverändert in die hier vorliegende Schriftfassung übernommen, und nicht etwa als Aufsatz für eine Fachzeitschrift o.Ä. konzipiert. Das bedeutet, dass die Bezüge zu den während des Vortrags am PC geöffneten Seiten und zu den ausgegebenen Arbeitsblättern nicht explizit hergestellt werden, obwohl manches eigentlich nur aus dem (hier fehlenden) Kontext heraus verständlich wird.
Detaillierte Erläuterungen zu den einzelnen Unterrichtsstunden sind überhaupt nicht ausformuliert und können nur approximativ aus dem Aufbau der Stunden und den stichwortartigen Hinweisen dazu erschlossen werden. Dabei bleiben zwangsläufig viele Fragen offen, die im mündlichen Diskurs angesprochen und geklärt werden. Aus Gründen des Copyrights fehlen die Original-Textbeispiele und die Gedichte werden nur in der Form aufgeführt, wie sie den Schülerinnen und Schülern vorgelegt werden.

Der Vortrag wurde im November 03 leicht modifiziert und aktualisiert.


 

1.) Mediendidaktische Vorbemerkungen

Wieso gerade Deutsch als Leitfach der Medienerziehung? – Nun, das Fach Deutsch war seit  jeher für mediale Themen wie Zeitung, Fernsehen oder Hörspiel zuständig – auch im indirekten Zugriff, wie z.B. bei der Beschäftigung mit Werbung. Außerdem: In der Vergangenheit wurde in der Informatik häufig der falsche Weg beschritten, indem gewissermaßen "vom Gerät her" gedacht wurde. Die technische Machbarkeit und die Nutzung von Software standen im Vordergrund und prägten die didaktische Realisation des Unterrichts.

Die Lehrkräfte in Deutsch dürften dagegen wohl sehr viel eher von Lernzielen und Lerninhalten her denken - dies ist zumindest zu wünschen und zu fordern. Sie sollen im Medienunterricht auch einen bewussten Umgang mit dem Medium praktizieren, vorführen und zeigen, wo das neue Medium dazu dient, Inhalte leichter verständlich oder plastischer zu machen, in welchen Bereichen es das eigenverantwortliche Lernen und (soll ich sagen: dennoch) das genaue Hinschauen auf den Text fördert, wo es geeignet ist, Kreativität freizusetzen und /oder das Strukturieren, Verknüpfen und Ordnen erleichtert und wo es schließlich die Kommunikations- wie auch die Informationsmöglichkeiten erweitert. Damit sind Zielsetzungen wie Bedingungen eines Einsatzes neuer Medien im Deutschunterricht umrissen. Auf eine Formel gebracht: Stets muss der Computer in der Abwägung der methodisch-didaktischen Möglichkeiten die bessere Wahl sein. Darin und in der gleichzeitigen Medienerziehung der Kinder zu kritischen Konsumenten, die ein solches Medium als Hilfsmittel verstehen und einsetzen lernen, muss der didaktische Mehrwert des PC-Einsatzes liegen, sonst lohnt sich der Aufwand nicht. Voraussetzung für den späteren verantwortungsvollen, gezielten Umgang beispielsweise mit dem Internet ist also eine schon früh beginnende, bewusste Medienerziehung, die den Kindern Maßstäbe zur Beurteilung der neuen Medien und Hilfen zum gezielten und bewussten Umgang mit ihnen anbietet.

Für die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer in Baden-Württemberg haben derartige Überlegungen zu weitreichenden ministerialen Neuerungen geführt. Nach vielem Hin und Her gelten nun vom Schuljahr 2004/2005 an die bei LEU veröffentlichten Standards für die informationstechnische Grundbildung, bei denen der ursprüngliche Leitfachgedanke aufgegeben wurde. Es wird lediglich noch empfohlen, das Fach ITG in Klasse 5 oder in Klasse 6 im Fach Deutsch zu unterrichten. Inhaltlich kann jeder das Thema angehen, wie er oder sie will - ob nun in Einzelstunden, in Form eines fächerverbindenden schulinternen Curriculums, mit einem Portfolio u.Ä.

Die folgende Unterrichtseinheit wurde bereits 1999 zum ersten Mal gehalten und kann und soll nun natürlich unter den veränderten äußeren Voraussetzungen nurmehr Anregungen bieten, wie man ITG gewinnbringend im Deutschunterricht integrieren und zusammen mit den herkömmlichen handlungsorientierten Formen des Literaturunterrichts vermitteln kann. 

 

2.) Voraussetzungen für ITG in Klasse 5/6

Kommen wir nun zu der zentralen Frage, wie - oder sogar: ob überhaupt - sich all diese Vorgaben in die Unterrichtspraxis in Klasse 5/6 umsetzen lassen. Hierzu einiges aus meiner bisherigen Erfahrung, gewonnen aus einer 15-stündigen Unterrichtseinheit in Klasse 5 und mehreren ca. 12-stündigen Unterrichtseinheiten in einer Arbeitsgemeinschaft "Neue Medien im Deutschunterricht" die im Schuljahr 2001/2002 für mehrere Schülergruppen der Klassen 5 über jeweils sechs Wochen angeboten wurde.

Zuvor aber noch ein paar einleitende und erläuternde Bemerkungen (beachten Sie dabei bitte, dass einige Punkte je nach Konfiguration Ihres PC-Raumes für Ihre Schule eventuell nicht zutreffen!):

  • Erstens: Eines war für mich von vornherein klar: Das Medium muss auch bei einer Einführung heuristische Funktion haben. Den Schülerinnen und Schülern muss klar sein, dass man mit dem PC etwas anfangen kann für Deutsch, für die Schule, dass der Konnex aber immer vorhanden ist. Eine Unterrichtseinheit, die nur in den PC oder in die Hypertext-Sprache einführen würde, halte ich für fatal.
  • Es gilt also zweitens ein Thema zu finden, bei dem sich Medium und fachbezogener Gegenstand ergänzen, ein Thema, bei dem der PC der bisherigen Bearbeitung im Unterricht überlegen ist oder bei dem er zumindest neue Impulse geben kann. Selbstverständlich muss dieses Thema auch dem Lehrplan entsprechen. Ich habe dafür das Thema Lyrik, speziell "Tiergedichte", ausgewählt, die grundlegende Methode folgt den Konzeptionen des produktionsorientierten Unterrichts.
  • Drittens: Eine Umfrage, die ich in allen vier fünften Klassen unsrer Schule durchführte, zeigte deutlich die völlig unterschiedlichen Vorkenntnisse der Schülerinnen und Schüler. Die Unterschiede sind sehr viel größer als bei allen anderen Lehrplaninhalten, mit denen wir zu tun haben. Dies ist eine große Schwierigkeit, der der Unterricht begegnen muss - gegebenenfalls mit zusätzlichen Einführungsstunden.
  • Viertens: Einzelstunden sind nicht ideal. Wenn es stundenplanmäßig zu machen ist, sollte man lieber Blockunterricht machen (auch nachmittags). Die Stunden sollten so konzipiert werden, dass die schnelleren Schüler am Stundenende noch eine Zusatzaufgabe bekommen können.
  • Fünftens: Es ist sicherzustellen, dass auf allen PCs Word gleich konfiguriert ist und mit denselben Grundeinstellungen (Extras – Optionen) gearbeitet wird. Gleiches gilt selbstverständlich auch für die Grundkonfiguration selbst.
  • Sechstens: Es ist sehr anzuraten, fast unerlässlich, mit dem Programm "Master-eye" (oder einem ähnlichen) zu arbeiten, das es erlaubt, vom Lehrer-PC aus die andern zu steuern und sie gegebenenfalls zu blockieren bzw. blind zu schalten. Andernfalls muss man eventuell den Mut haben, die Monitore kurzzeitig abschalten zu lassen.
  • Siebtens: Die Arbeitsblätter und Anmerkungen werden in einen Merk-Ordner übernommen. Wenn genügend Zeit vorhanden ist, schreiben die Schülerinnen und Schüler zunächst auf Konzept, schreiben dann mit PC ab und gestalten um. Es empfiehlt sich generell unbedingt, nicht nur am PC zu arbeiten, sondern auch Arbeitsblätter etc. im herkömmlichen Sinne mit einzubeziehen. Gerade die Aufgabenstellungen werden sinnvollerweise als Ausdruck auf dem Papier an die Schülerinnen und Schüler vermittelt.
  • Achtens: Bei 30 Schülerinnen und Schülern scheint eine Zweiteilung der Klasse in eine Anfänger- und eine Fortgeschrittenengruppe  unbedingt angeraten, ginge aber zu Lasten der Lehrkraft (freiwillige und unbezahlte Mehrarbeitsstunden).
  • Neuntens: Die zentrale Arbeitsform ist die Partnerarbeit, weil meist je für zwei Kinder ein PC zur Verfügung steht. Auch hier gilt es, sich vorbereitende Gedanken zu machen, wer mit wem arbeitet. Zu empfehlen ist, dass jeweils ein Fortgeschrittener mit einem Anfänger arbeitet. Wichtig ist, dass dabei der Anfänger die Maus und die Tastatur bedient, der Fortgeschrittene darf nur in absoluten Ausnahmefällen eingreifen!
  • Zehntens: Das Abspeichern der Dateien unter zweimal demselben Namen macht unter Word große Probleme. Die Dateien müssen beim zweiten Mal anders benannt werden. Tipp: Dem Dateinamen jeweils die Initialen des Bearbeiters/ der Bearbeiterin voranstellen. Dabei dürfen die Kinder aber keine Punkte verwenden und sollten keine Leerstelle lassen. Dieser Punkt gilt auch und gerade für Schulen, die mit einem sogenannten Homeverzeichnis arbeiten, in dem jede Schülerin und jeder Schüler sein eigenes persönliches Verzeichnis hat, zu dem er/ sie sich mit dem Passwort anmelden muss. Hier muss man sich klar werden, welches Kind sich anmeldet und wie man die Dateien abspeichert (für das zweite Kind evtl. mit Diskette).

  • Häufig zwischenspeichern lassen!!
    Wenn die Arbeit mit Disketten gemacht werden soll, werden diese während der UE am Ende der Stunde immer wieder eingesammelt, um einem Vorausarbeiten der Schülerinnen und Schüler und einem eventuellen Virenbefall vorzubeugen. Erst am Ende der UE dürfen sie die Kinder mit nach Hause nehmen.

    3.) Vorstellung der Unterrichtseinheit im einzelnen.

    Ein Stundenüberblick sieht wie folgt aus (ein Klick auf den Hyperlink "Stundenverlauf" öffnet die Datei mit dem Überblick über die Unterrichtskonzeption und der Darstellung der Einzelstunden, ein Klick links auf die Stundenzahl öffnet die Gedichte, wie sie den Kindern präsentiert werden. Die Links werden in einem separaten, kleineren Fenster geöffnet, das jederzeit geschlossen und in seiner Größe verändert werden kann). Leider können hier aus Gründen des Copyrights nicht die Originaltexte zur Verfügung gestellt werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den schulinternen Fortbildungen können diese zum persönlichen Gebrauch auf den passwortgeschützten Seiten des Bereichs "Neue Medien" einsehen.


    Übersicht über den Stundenverlauf im einzelnen
     

    1. Std.: Krüss, Das Arche-Noah-ABC
    2. / 3. Std. Ende, Die Schnurpsenzoologie
    4. / 5. Std. Krüss, Wenn die Möpse Schnäpse trinken
    6. Std. Brecht, Die Vögel warten im Winter...
    7. Std. Jandl, Ottos Mops
    8. Std. Morgenstern, Das ästhetische Wiesel
    9. Std. Sicherung von Zwischenergebnissen, Erstellen einer Arbeitsmappe
    10./11. Std. Morgenstern, Das Nasobem
    12. Std. Gernhardt: Die weißen Riesenhasen
    13. Std. Sicherung von Ergebnissen, Vervollständigung der Arbeitsmappe
    14./15. Std. Verfügungsstunde: Hacks, Das Pflaumenhuhn

    Anmerkungen zu möglichen Supplement-Texten:

  • Weitere kleinere, weiterführende Zusatzaufgaben lassen sich für jene Schülerinnen und Schüler einbauen, die schneller und gewandter mit dem Medium umgehen können und sich langweilen und die andern stören würden, wenn sie nicht weiteres Material bekämen; Beispiele für solche Zusatzaufgaben wären z.B. die folgenden:
    • Harry Rowohlts Text: Gebet des Nashorns wird in Form durcheinander geschriebener Wörter ausgegeben, und die Schülerinnen und Schüler müssen nun einen Zweizeiler daraus machen.
    • Mira Lobes Gedicht: Der verdrehte Schmetterling ruft geradezu danach, mit dem PC umgestaltet und „richtig" gemacht zu werden. Aber Vorsicht: Das Gedicht sollte auch inhaltlich etwas verändert, das heißt „umgedichtet" werden.
    • Ein typischer Jandl-Text ist hünpisch: Die Sch. sollen die Machart dieses Gedichts erkennen und sehen, dass es aus der 180° - Drehung der spiegelsymmetrischen Buchstaben d, p, b und q lebt. Sie ersetzen die „falschen" Buchstaben über „Suchen und Ersetzen" durch die richtigen, schreiben aber dann dafür als Ausgleich ein ähnliches Gedicht über ein anderes Tier, in dem sie allerdings die hier vorhandenen Wörter nicht mehr gebrauchen dürfen.

    4.) Fazit

  • Die Vorbereitung einer solchen UE ist überaus zeitintensiv, ihre Durchführung anstrengend und nervenaufreibend, selbst für Lehrkräfte, die mit PCs keine Schwierigkeiten haben und auch ausgefallenere Probleme selbst lösen können. Die Begeisterung der Schülerinnen und Schüler für das Medium ist schwer zu bremsen und Disziplinprobleme sind je nach Klasse dadurch vorprogrammiert.
  • Es ist sehr schwierig, eine vernünftige UE mit 30 Kindern durchzuführen, wenn sich immer zwei einen PC teilen und man an allen Ecken und Enden damit beschäftigt ist, kleine auftretende Probleme zu lösen und die andern 28 Kinder beschäftigt werden wollen oder auch Fragen haben. Wenn irgend möglich, sollte man sicherstellen, dass ein "Ersatz-PC" da ist, falls ein Gerät ausfällt, d.h. konkret, 15 PCs für 30 Kinder sind zuwenig!
  • Das Medium steht bei den Schülerinnen und Schülern eindeutig im Vordergrund gegenüber dem Unterrichtsstoff Deutsch; es sind also Phasen anzuraten, in denen die Kinder die PCs verlassen und mit dem Heft oder Arbeitsblättern arbeiten. Arbeit im PC-Raum heißt nicht Verzicht auf Arbeit mit Stift und Papier.
  • Die Unterrichtsnachbereitung ist mit der Klasse im Klassenzimmer durchzuführen.
  • Wie immer sich diese Probleme lösen lassen: Gleichgültig, mit welcher Geschwindigkeit die mediale Entwicklung weltweit voranschreitet: Ein Deutschunterricht, der die Schülerinnen und Schüler von heute und morgen überhaupt noch erreichen (um nicht zu sagen: ansprechen oder gar begeistern) will, kommt ohne die Hinzunahme der neuen Inhalte und der durch sie ermöglichten Methoden nicht mehr aus. Dieser Tatsache müssen Schulträger und Schulleitung Rechnung tragen; aber die Kolleginnen und Kollegen sind ebenso aufgerufen zu fordern, dass von Seiten des Ministeriums zusätzliche Stunden für die Arbeit mit Kindern am PC zur Verfügung gestellt werden. Es kann m.E. nicht angehen, dass bis dato für ITG in Klasse 8 (im Mathematikunterricht) die Klassen hochoffiziell geteilt wurden und dass man von nächstem Schuljahr an die gleiche Arbeit im Rahmen des Deutschunterrichts (was ansich sinnvoll ist!) mit einer ganzen Klasse 5 oder 6 machen muss. Eine derartige Entwicklung passt nicht zu der in der Öffentlichkeit immer wieder gepriesenen "Medienoffensive II" und ist letztendlich auch auf Dauer kontraproduktiv. Hier wurden an der falschen Stelle Stunden eingespart!


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