Was ich in meinem heutigen und dem morgigen Referat unternehme,
gleicht dem Versuch der Schildbürger, mit Eimern und Dosen Licht in
das Haus zu tragen, in dem sie die Fenster vergessen haben. Denn erstens
sind Epochenbegriffe an sich schon überaus problematisch, weil sie
Divergierendes zusammenzwingen, Einheiten schaffen, wo keine sind, und
Epochen per definitionem trennen, wo es auch viel Verbindendes gibt. Erschwerend
kommt bei der Romantik noch hinzu, dass gerade sie so vielgestaltig ist,
dass sie sich gegen jeden Definitionsversuch sperrt. Der Grund dafür
liegt in der Epoche selbst begründet: Sie will alles umfassen, alles
in sich fassen, und stößt damit natürlich an die Grenzen
des sprachlich und gedanklich Erfassbaren.
Dennoch: Unser Problem im Unterricht ist, dass wir greifbare
und griffige Parameter brauchen, Strukturelemente einer Epoche, selbst
wenn diese einer genauen literaturwissenschaftlichen Prüfung nicht
in jeder Hinsicht standhalten. Ein akademisches Zerfasern ist für
den Unterricht schlimmer als ein holzschnittartiges Umreißen. In
diesem Sinne sei's gewagt.
In dem, was die Romantik will, liegt gleichzeitig ihr
Scheitern begründet, denn am Ende ihres ersehnten Erkenntnisprozesses
steht die Dunkelheit des Geheimnisses. Wie aber kann dieses Unfassbare
vermittelt werden? Wie kann man Unsagbares sagen, Dunkles klar machen oder
Unhörbares in Laute kleiden? Aus dieser Not heraus ist es nur folgerichtig,
dass gerade in der Romantik eine Synthese aus Musik, Malerei und Dichtkunst
angestrebt wurde:
So sollte man die Künste
einander nähern und Übergänge aus einer in die andere suchen.
Bildsäulen beleben sich vielleicht zu Gemälden…, Gemälde
würden zu Gedichten, Gedichte zu Musiken; und wer weiß? so eine
feierliche Kirchenmusik stiege auf einmal wieder als ein Tempel in die
Luft. (Caroline Schlegel in Athenäum, 1799)
Um also die Romantik in ihrer komplexen Ganzheit erfassen
zu können, ist es notwendig, über die Literatur hinaus einen
Blick auf Malerei und Musik zu werfen und die Erkenntnisse aus der Literatur
an diesen beiden Künsten zu überprüfen.
Dazu betrachten wir die folgenden Aussagen zur Kunstauffassung
der Romantik:
Schließe dein leibliches
Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere
zutage, was du im Dunkeln gesehen, daß es zurückwirke auf andere
von außen nach innen. ( Caspar David Friedrich )
Der Maler soll nicht bloß
malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht
er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich
sieht. Sonst werden seine Bilder den spanischen Wänden gleichen, hinter
denen man nur Kranke oder gar Tote erwartet. ( Caspar David Friedrich )
Jedes echte Kunstwerk wird
in geweihter Stunde empfangen und in glücklicher geboren, oft dem
Künstler unbewußt aus innerem Drang des Herzens. ( Caspar
David Friedrich )
Heilig sollst du halten
jede fromme Regung deines Gemütes, heilig achten jede fromme Ahndung;
denn sie ist Kunst in uns! In begeisternder Stunde wird sie zur anschaulichen
Form; und diese Form ist dein Bild! ( Caspar David Friedrich )
Ein Bild muss empfunden,
nicht erfunden sein. ( Caspar David Friedrich )
Wir träumen von Reisen
durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres
Geistes kennen wir nicht. – Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In
uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit
und Zukunft. (Novalis)
Eine Hieroglyphe, ein göttliches
Sinnbild soll jedes wahrhaft so zu nennende Gemälde sein. (Friedrich
Schlegel)
Wo soll aber der Künstler
seine erhabene Meisterin, die schaffende Natur, finden, um sich mit ihr
gleichsam zu berathen, da sie in keiner äußeren Erscheinung
enthalten ist? In seinem eigenen Innern, im Mittelpunkte seines Wesens
durch geistige Anschauung kann er es nur, oder nirgends. (August Wilhelm
Schlegel)
Wie die Zitate zeigen, haben romantische Gemälde
häufig eine religiöse Komponente. Für Schleiermacher war
die Sehnsucht des endlichen Menschen nach der Unendlichkeit und das passive
Anschauen des Universums das Grundelement aller Religionen. Es geht dabei
aber nicht unbedingt um Religiosität im orthodoxen Sinn, sondern vielmehr
um eine Verbindung aus Naturerlebnis, Religion und individueller Empfindung.
Das Göttliche offenbart sich im individuellen Erlebnis von Naturschönheit.
Das hat natürlich auch einen religiösen Charakter, denn Gott
ist in der Tiefe der Welt und des Bewusstseins oder ist geradezu diese
Tiefe selbst. Man hat diese Religion einen christlichen Pantheismus genannt,
und diese Bezeichnung trifft es wohl auch am besten.
Caspar David Friedrichs Landschaften sind also nicht
„echt"; sie sind keine Imitate der Natur, sondern in ihnen zeigt sich gewissermaßen
eine kosmische Ordnung, deren Widerschein im Innern des betrachtenden Menschen
zu finden ist – oder zu finden sein soll.
August Wilhelm Schlegel sagt in seinen Vorlesungen
über das Verhältnis der schönen Künste zur Natur:
Man könnte die Kunst
daher auch definieren als die, durch das Medium eines vollendeten Geistes
hindurchgegangene, für unsere Betrachtung verklärte und zusammengedrängte
Natur. Der Grundsatz der Nachahmung,wie er gewöhnlich ganz empirisch
genommen wird, läßt sich also geradezu umkehren. Die Kunst soll
die Natur nachahmen: heißt mit anderen Worten: die Natur (die einzelnen
Naturdinge) ist in der Kunst Norm für den Menschen. Diesem Satz ist
geradezu entgegengesetzt der wahre: der Mensch ist in der Kunst die Norm
der Natur."
(Kritische
Schriften, 2. Theil, Berlin 1828, darin: Über das Verhältnis
der schönen Künste zur Natur, Vorlesungen Berlin 1802, S. 324.
Hier aus: Eberhard Roters, Jenseits von Arkadien. Die romantische Landschaft.
Dumont, London 1995, S. 37 f
Das ist der Kern romantischer Kunstanschauung. In einem Landschaftsbild,
wie wir sie gleich sehen werden, reflektiert die Außenlandschaft
die Innenlandschaft und umgekehrt. Die Natur wird zum Ausdruck des menschlichen
Innern, das wiederum durch sie nach außen geholt und im Gemälde
entäußert wird.
Die Malerei will also – wie auch die Literatur – etwas
Nicht-Fassbares, ein ganz eigenes Weltgefühl vermitteln; sie will
dem Betrachter die Transzendenz im Irdischen zeigen. Die dargestellten
Inhalte – belebt oder unbelebt – weisen auf Übersinnliches hin, sind
Zeichen, sind „Hieroglyphen".
Der Mönch am Meer
Der Mönch
am Meer ist Friedrichs wohl bekanntestes Gemälde.
Es brach mit jeder bis dahin gültigen Tradition der Natur- wie auch
der Porträtmalerei und erregte größtes Aufsehen, als es
1810 zum ersten Mal auf einer Ausstellung präsentiert wurde. Es muss
im Zusammenhang gesehen werden mit dem Komplementärwerk
Abtei
im Eichwald. Beide Bilder – sie sind gleich groß (ca. 110
x 171cm) – hingen auf der ersten Ausstellung 1810 in Berlin in der hier
präsentierten Form übereinander. Sie bedeuteten Caspar David
Friedrich offenbar sehr viel und manche Interpreten sehen in dem Mönch
(der im zweiten Bild zu Grabe getragen wird) ein verschlüsseltes Selbstbildnis
des Malers. Wie bedeutsam und vielschichtig die Werke schon für die
Zeit ihrer Entstehung waren, zeigt sich an zeitgenössischen Äußerungen.
Bemerkenswert sind beim Mönch am Meer die Anteile der einzelnen
Bildelemente. So gehören z.B. fast 4/5 dem Himmel und nur 1/5 der
Erde, die wiederum farblich mit dem helleren Teil des Himmels korrespondiert.
Der Mensch ist – in seiner ganzen Nichtigkeit angesichts der Umgebung –
das einzige vertikale Element im Bild, aber er ist zu klein, um die Horizontlinie
zu überblicken. Anders als beispielsweise das Motiv der Segelschiffe
oder des Baumes, das Caspar David Friedrich oft verwendet, schafft er den
Übergang vom Diesseits zum Jenseits nicht; er schaut nicht ins Licht.
Der dunkle, neblige Teil des Himmels wird fast nahtlos im Komplementärgemälde
Die Abtei im Eichwald wieder aufgenommen, wodurch dieses gewissermaßen
zu einer „Fortsetzung" des Mönchs am Meer wird. Dazu später
mehr.
Wichtig für das Verständnis von Caspar David
Friedrichs Bildern ist zum einen seine Verwendung vertikaler und horizontaler
Linien. Häufig überspannen einzelne Bildelemente, sogenannte
transitorische Elemente, wie z.B. eine Ruine, die Masten eines Segelschiffes,
ein Baum oder auch ein Mensch, die Horizontlinie und stellen damit eine
Verbindung von Diesseits und Jenseits her. Wenn man ganz genau hinschaut
(Lupe) oder das Gemälde mit dem Mönch am Meer im Original
betrachtet, stellt man fest, dass der Mönch im Unterschied zu zahlreichen
anderen „Rückenfiguren" nicht direkt gerade aufs Meer schaut, sondern
in kontemplativer Haltung mit der rechten Hand am Kinn nach halbrechts
blickt, als ob er in die Zukunft (in seine Zukunft des Komplementärgemäldes?)
blicken wollte.
Mehr als zwei Jahre arbeitete Caspar David Friedrich
an diesem seinem Hauptwerk. Immer wieder veränderte er Einzelheiten;
so tilgte er beispielsweise zwei Segelschiffe links und rechts des Mönchs
und den Mond sowie den Morgenstern. Das Gestaltungsprinzip heißt
also Reduktion – und zwar auf das Verhältnis des winzigen Mönchs
– als solcher gewissermaßen ein Bindeglied zwischen Diesseits und
Jenseits – und dem alles beherrschenden dunklen, dunstverhangenen Horizont
und der schwarzen See. Der Mensch ist der grenzenlosen Weite des
Unendlichen kompromisslos ausgeliefert. Das Bild ist horizontal gegliedert,
es hat einen tief liegenden Horizont, wodurch der Kosmos noch dominanter
wird. Der Mönch steht zwar nicht in der Mitte des Bildes, wohl aber
in einer harmonischen Teilung des Gemäldes, einer Art Goldenen Schnitts
in vertikaler Hinsicht, dort, wo der Strand am weitesten ins Meer reicht
und die Helligkeit des Himmels sich am tiefsten zur Erde senkt. Der Betrachter
nimmt automatisch die Position des im Rückenbild dargestellten Mönchs
ein. Er „schaut", was in diesem vorgehen könnte. Religion wird, nach
einem Wort des Philosophen Friedrich Schleiermacher, den Caspar David Friedrich
1810 kennenlernte, zum „Anschauen des Universums" und zum „Sinn und Geschmack
fürs Unendliche". Nicht das Gegenständliche ist wichtig, sondern
das über die Gegenstände hinweg transportierte Immaterielle.
Allein die Tatsache, dass die einzige Person des Bildes gerade ein „Mönch"
ist, ein irdischer Mensch, der sich dem Ewigen verschrieben hat, zeigt
den metaphysischen Gehalt des Gemäldes.
Am 13. Oktober 1810 findet sich in den Berliner Abendblättern
eine Besprechung des Bildes durch Heinrich von Kleist, in der es u.a. heißt:
Herrlich ist es, in einer
unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine
unbegrenzte Wasserwüste, hinauszuschauen. Dazu gehört gleichwohl,
daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß,
daß man hinüber möchte, daß man es nicht kann, daß
man alles zum Leben vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im
Rauschen der Flut, im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen
Geschrei der Vögel, vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den das
Herz macht, und ein Abbruch, um mich so auszudrücken, den einem die
Natur tut. Dies aber ist vor dem Bilde unmöglich, und das, was ich
in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde,
nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen
Abbruch, den mir das Bild tat; und so ward ich selbst der Kapuziner, das
Bild ward die Düne, das aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken
sollte, die See, fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein,
als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche
des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit
seinen zwei oder drei geheimnisvollen Gegenständen, wie die Apokalypse
da, […] und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit,
nichts als den Rahmen zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet,
als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären.
Kleists Bewertung des Bildes ist überaus subjektiv und
von einem merkwürdigen Widerspruch getragen: Kleist beginnt mit den
Worten „Herrlich ist es auf eine unbegrenzte Wasserwüste, hinauszuschauen"
und endet mit: „Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese
Stellung in der Welt". Die Erklärung dafür liegt in einer zeittypischen
und gerade bei Caspar David Friedrich zum Ausdruck kommenden neuen Rezeptionhaltung
des Betrachters zum Bild. Das Gemälde wird als Assoziationsraum gesehen,
als Zielpunkt eigener Selbstentäußerung und als Identifikationsmedium.
Aber diese Bewertung war eigentlich ganz anders geplant.
Kleist schrieb zusammen mit Clemens Brentano für seine beliebten Berliner
Abendblätter am 13.10.1810 eine eher satirische Beurteilung des Gemäldes
und hat diese dann eigenmächtig gekürzt und damit verändert,
was zum Bruch zwischen ihm und den Mitgliedern der Christlich-teutschen
Tischgesellschaft um Brentano und Arnim führte. Brentano trieb nämlich
genau mit dem Umstand des Assoziationsangebots seine Späße,
wenn er eine Szene schrieb, in der einige ungebildete Bildungsbürgerinnen
an dem Gemälde vorbeidefilieren.
(Anm.: 1)Ossian: gälischer Sänger
des 3. Jh.s; düstere Lnadschaftsbilder; dahinter verbirgt sich der
schottische Schriftsteller Macpherson
2)Kosegarten (1758-1818): popul. zeitg. Pfarrer, sentimental-moralisierende
Epen und Romane).
Kleists innere, lebensfeindliche Disposition, die ihn
schließlich in den Freitod trieb, kommt in seiner Version überdeutlich
zum Ausdruck. Auch Kleist versteht das Bild, versteht den Mönch als
Imaginationsmedium, indem er sagt, dass er selbst zum Kapuziner werde und
dessen Welt mit eigenen, der Lider beraubten Augen betrachte. Zum ironischen
Rest fehlte ihm offenbar die Kraft.
Die Abtei im Eichwald steht zwar im Schatten ihres berühmten
Komplementärwerks, weist aber nichtsdestoweniger zahlreiche typische
Merkmale von Caspar David Friedrichs Kunst auf. Wie gesagt, wird die Erde
und wird auch der neblige Zwischenbereich weitergeführt, doch ist
die Erde jetzt dunkler; das einzige Helle sind die winzigen Lichter – wahrscheinlich
Kerzen – am Kreuz des Leichenzugs. Andererseits reckt sich alles Tote des
irdischen Bereichs (die Ruine und die abgestorbenen Eichen) der jenseitigen
Helligkeit entgegen. Scharf wird so das Tote des dunklen Diesseits mit
der erhofften Erlösing kontrastiert.
Theodor Körner hat über dieses Gemälde
ein Doppelsonett verfasst:
Friedrich's Todtenlandschaft
1.
Die Erde schweigt mit tiefem,
tiefem Trauern,
Vom leisen Geisterhauch
der Nacht umflüstert;
Horch, wie der Sturm in
alten Eichen knistert;
Und heulend braust um die
verfallnen Mauern.
Auf Gräbern liegt, als
wollt er ewig dauern,
Ein tiefer Schnee, der Erde
still verschwistert,
Und finstrer Nebel, der
die Nacht umdüstert,
Umarmt die Welt mit kalten
Todesschauern.
Es blickt der Silbermond
in bleichem Zittern
Mit stiller Wehmut durch
die öden Fenster; –
Auch seiner Strahlen sanftes
Licht verglüht! –
Und leis und langsam durch
des Kirchhofs Gittern,
Still wie das Wandern nächtlicher
Gespenster
Ein Leichenzug mit Geisterschritten
zieht.
2.
Und plötzlich hör'
ich süße Harmonieen,
Wie Gottes Wort, in Töne
ausgegossen,
Und Licht, als wie dem Kruzifix
entsprossen,
Und meines Sternes Schimmer
seh' ich glühen;
Da wird mir's klar in jenen
Melodieen:
Der Quell der Gnade ist
in Tod geflossen,
Und jene sind der Seligkeit
Genossen,
Die durch das Grab zum ew'gen
Lichte ziehen. –
So mögen wir das Werk
des Künstlers schauen.
Ihn führte herrlich
zu dem schönsten Ziele
Der holden Musen süße,
heil'ge Gunst.
Hier darf ich kühn dem
eignen Herzen trauen:
Nicht kalt bewundern soll
ich, – nein, ich fühle,
Und im Gefühl vollendet
sich die Kunst.
Aus: Theodor Körner's Sämmtliche
Werke in einem Band, Leipzig o.J., Reclam Verlag, S. 96
"So mögen wir das Werk des Künstlers schauen.
[…]
Und im Gefühl vollendet sich die Kunst." - Das Gedicht
gehört sicher nicht zu den bedeutenden literarischen Erzeugnissen
der Epoche, ist vielleicht sogar eher trivial zu nennen. Aber – und darauf
kommt es mir an – selbst ein solcher Text gibt sich als typisch „romantisch"
und verwendet das gängige poetologische Vokabular. Das Werk des Künstlers
wird „geschaut" und erst bzw. gerade erst dadurch gelangt die Kunst zu
ihrer Vollendung. Wichtiges Kriterium für die Güte eines
Kunstwerks wird also das Maß, in dem es den Rezipienten dazu verleitet,
sich über seiner Rezeption in das Kunstwerk einzuleben und es in sich
selbst gewissermaßen durch die identifizierende Betrachtung zu vollenden.
Caspar David Friedrich postuliert, wie beispielsweise
auch E. T. A. Hoffmann, dass der Künstler sein Werk erst im Inneren
sehen, oder besser: „schauen", müsse. Das Werk ist also nicht das
Abbild äußerer Wirklichkeit, sondern einer inneren Vorstellung
davon. Äußere und innere Realität (die Phantasie) gehen
eine Synthese ein. Ein zentraler, in der Romantik immer wiederkehrender
Begriff ist die „Ahndung" – also etwas nicht Fassbares, Gegenstandsloses,
jenseits des Sagbaren Liegendes. Sie möglichst annähernd in Musik,
Bild oder Wort zu fassen, ist das stete Bemühen der Romantiker.
Betrachten wir in diesem Zusammenhang ein zweites, ganz
berühmtes Gemälde Friedrichs, das einen gewaltigen Kunststreit,
den sogenannten Ramdohr-Streit auslöste: Das Kreuz
im Gebirge oder den Tetschener Altar und richten unser Augenmerk
auf die religiösen Gehalte der Gemälde.
Tetschener Altar
Das Kreuz im
Gebirge datiert 1808. Es versteht Landschaft als sakralen Raum
und gilt als Musterbeispiel für den oben bereits erwähnten christlichen
Pantheismus. Jesus als Vermittler zwischen hier und dort blickt von einer
steilen Anhöhe hinab in eine nicht sichtbare, helle, strahlenumflossene
Landschaft, die von einer nur noch zu ahnenden Lichtquelle erhellt wird.
Er ist als Schauender gewissermaßen Fleisch gewordener Zeuge dafür,
dass es diese Lichtquelle gibt, er wird von ihr illuminiert. Wir sehen
das Kruzifix nicht wie gewöhnlich von vorn, sondern von schräg
hinten. Die Blickrichtung seines Kopfes geht in die Ewigkeit. Diese Perspektive
bewirkt – wie überhaupt die Technik des Rückenbilds –, dass der
Betrachter die Szenerie gewissermaßen mit den Augen des Gekreuzigten
betrachtet; er „schaut", was dieser sieht, stellt sich den Anblick des
Lichts vor. Das dunkle Irdische reckt sich dem Himmel entgegen, der Glanz
des Jenseits ist in den Strahlen der sinkenden Sonne zu erkennen, die die
Wolken beleuchten, die Lichtquelle selbst jedoch bleibt unsichtbar. Es
ist bezeichnend, dass Friedrich nie die Sonne direkt darstellt, sondern
immer nur – wenn überhaupt – eine indirekte Lichtquelle, z.B. den
Mond, der durch sein Scheinen von der Existenz der Sonne zeugt. Das Licht,
die Erlösung, die absolute Erkenntnis oder die Erfüllung des
eigenen Lebens, kann also immer nur erahnt, erhofft werden. Und die Atmosphäre
gibt Zeugnis davon ab, dass es das Licht gibt, denn sie wird von diesem
Licht erfüllt.
Der einsame Baum
Das Gemälde Der
einsame Baum (1822) zeigt noch einmal exemplarisch die Spiegelung
des Himmels im Irdischen. Die Farben glühen gewissermaßen von
innen heraus, vermitteln eine kosmische Harmonie. Wir fühlen uns erinnert
an Eichendorffs Gedicht
Wünschelrute
Schläft ein Lied in
allen Dingen,
die da träumen fort
und fort,
Und die Welt hebt an zu
singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
Möglicherweise steht der Baum sinnbildlich für
den Menschen; er durchschneidet als vertikale Achse alle Schichten des
Bildes. Auf der Ebene sehen wir verschiedene Stadien menschlicher Entwicklung.
Es beginnt beim Sumpf, dann kommt ein Weiher, dahinter sehen wir Felder
und denen schließt sich dann ein Dorf an. Mit dem Schäfer spielt
Caspar David Friedrich auf den literarischen Topos von Arkadien an, der
besseren, friedlicheren, harmonischen Welt. Die Berge markieren den Übergang
von der Erde zum Himmel, sodass das ganze Gemälde von einer ganz merkwürdigen
Stimmung lebt, die zum einen sehr positiv, zum andern aber, mit Blick auf
den halb abgestorbenen Baum, negativ ist. Und dennoch steht dieser Baum
nicht unbedingt im Widerspruch zu dem beherrschenden Morgenrot. Im Gegenteil
verweist dieses auf eine mögliche Transzendenz, ein Weiterleben wo
auch immer.
Rückenbilder
In diesem Zusammenhang ist ein Spezifikum romantischer Malerei,
insbesondere Caspar David Friedrichs, zu sehen, nämlich die Vorliebe
für
Rückenbilder. Es ist in der Malerei überaus ungewöhnlich,
dass Personen von hinten dargestellt werden. Gerade diese Rückenbilder
sind aber charakteristisch für die Kunst Caspar David Friedrichs.
In seinem Gemälde Frau
in der Morgensonne (1820) ist die eigentliche Lichtquelle unsichtbar,
nur zu ahnen; sie scheint gerade vor dem Herzen der Frau zu liegen – in
diesem Punkt konzentrieren sich nämlich die Strahlen, die außerdem
durch die ungewöhnliche Haartracht der Frau ihre Fortsetzung erfahren.
Sie nimmt sie gewissermaßen in sich auf – dem entspricht auch die
Stellung ihrer geöffneten Arme.
Die Frau steht am Ende ihres Weges inmitten eines dunkel
gehaltenen irdischen Bereichs, dessen Farbgebung völlig unrealistisch
ist. Es sind keine „irdischen" Farben, sondern vielmehr setzt sich die
Farbe des Himmels in der Farbgebung der Erde fort. Das Himmlische färbt
aufs Irdische ab – die Frage, ob dies lediglich im Innern der Frau geschieht,
die ins Licht blickt, oder in der Realität, wird zweitrangig angesichts
der Tatsache, dass der Betrachter des Bildes ganz automatisch die Perspektive
der Frau einnimmt. Sie steht stellvertretend für ihn, sieht, was er
nur schauen kann und soll, sie ist sein Imaginationsmedium. Der Betrachter
wird aufgefordert, sich selbst in das Bild hineinzuversetzen und das Licht
mit dem innern Auge zu „schauen", das er mit dem äußern Auge
nie zu sehen oder gar zu betrachten in der Lage wäre. Ob dieses Licht
nun für einen religiösen Gehalt steht oder etwa für eine
Erkenntnis, ist letztendlich wiederum sekundär. Lassen Sie mich in
diesem Zusammenhang ein paar Bemerkungen zum Begriff des „Schauens" machen,
wie er z. B. von E.T.A. Hoffmann benutzt wird. In einer zentralen Passage
seiner Serapionsbrüder versteht er darunter die Projektion der inneren
Einbildungskraft auf ein äußeres Medium:
Jeder prüfe wohl, ob er auch wirklich das geschaut,
was er zu verkünden unternommen, ehe er es wagt, laut damit zu werden.
Wenigstens strebe jeder recht ernstlich darnach, das Bild, das ihm im Innern
aufgegangen, recht zu erfassen mit allen seinen Gestalten, Farben, Lichtern
und dann, wenn er sich recht entzündet davon fühlt, die Darstellung
ins äußere Leben zu tragen.
Sie sehen die Parallelität dieser Sätze mit
den Aussagen Caspar David Friedrichs. Und Ähnliches findet sich auch
bei anderen Vertretern der Epoche wieder – selbst bei Novalis als einem
typischen Dichter der Frühromantik. Plakativ formuliert könnte
man sagen: Das „Schauen" ist Romantik pur, ist die Projektion innerlich
erlebter Poesie (eine Klärung dieses Begriff werde ich in meinem Hauptreferat
versuchen) auf die Außenwelt.
In seinem Gemälde Frau
am Fenster (1822) hat Caspar David Friedrich seine eigene Frau
Christiane Caroline, geb. Bommer, gemalt, mit der er seit 1818 verheiratet
war. Das Bild hat aber über dieses biografische Detail hinaus einen
exemplarischen Charakter nicht nur für die romantische Kunst. Wiederum
haben wir ein Rückenbild vor uns, sehen einer Person gewissermaßen
über die Schulter, „schauen", was sie nur selbst vielleicht sieht,
und versetzen uns dabei in diese Person, sondern hier haben wir es überdies
noch mit dem für die Romantik so typischen Blick von innen nach außen
zu tun. Das Fenster spielt in zahlreichen Texten der Romantik eine zentrale
Rolle, ist Zugang nach draußen, Verbindung zum Außerpersönlichen
und Ausdruck des Wunsches nach innerer Befreiung und nach dem Erlebnis
freier Natur, gleichzeitig aber auch nach Geborgenheit und Häuslichkeit,
von der aus die „gefährliche" Welt gut betrachtet werden kann. Diese
Ambivalenz des Fenster-Motivs kommt in zahlreichen Texten der Epoche zum
Ausdruck:
J.v.Eichendorff
Sehnsucht
Es schienen so golden die
Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter
Ferne
Ein Posthorn im stillen
Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab' ich mir heimlich
gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!
Transitorische Elemente
Eine ähnliche kompositorische Anlage hat das Gemälde
Mondaufgang
am Meer. Die Horizontlinie trennt in der Mitte des Gemäldes
Erde und Himmel. Elemente des Übergangs finden sich lediglich in den
Segelschiffen (sie könnten sinnbildlich für das Leben stehen)
und den drei Personen, die wiederum aus der Rückenansicht gezeigt
werden. Komplementär zu dem dunklen Fels, auf dem sie sitzen, wölbt
sich der durch den Mond erleuchtete Himmel in einem hellen, aus Wolken
geformten Bogen der Erde entgegen und spiegelt sich im Meer – wiederum
zeigt sich also in der irdischen Natur ein Widerschein des jenseitigen
Bereichs; sie ist Zeuge für das Vorhandensein einer höheren Welt:
Parallelen zu Eichendorffs Gedicht Mondnacht beispielsweise liegen klar
auf der Hand; wir werden noch darauf zu sprechen kommen. Die Stimmung des
Gemäldes ist ruhig, kontemplativ.
Schiffe stehen bei Caspar David Friedrich häufig
als Sinnbilder für den Übergang vom Hier zum Dort, wie sie ja
auch schon von jeher in der Literatur als Topos für diese transitorische
Bewegung stehen.
In dem berühmten Gemälde Kreidefelsen
auf Rügen (1818) wird diese transitorische Funktion
auf ganz bemerkenswerte Art und Weise deutlich, nämlich nicht in der
Form, dass ein Segel die Horizontlinie überragt, sondern indem die
Anordnung der Boote auf die Lichtquelle hin ausgerichtet ist. Das
Meer ist das beherrschende Naturmotiv, es markiert den Übergang von
Erde zu Himmel. Gezeigt wird die Verschmelzung beider Pole, wie sie in
der romantischen Sehnsucht immer wieder vorkommt, wie auch gleichzeitig
der Kontrast beider Seiten, die Realität. Auch hier ist das zentrale
Anliegen des Malers wiederum die Wirkung des Bildes auf den romantischen
Betrachter. Deutlicher als in den meisten andern Bildern zeigt sich hier,
wie Caspar David Friedrich die Landschaft als kosmische Ordnung sieht,
als Offenbarung des Göttlichen in der Schönheit der Natur. Das
Bild ist übrigens kurz nach Friedrichs Hochzeit gemalt und stellt
ihn und seine Frau dar, deren rotes Kleid als Sinnbild für die Liebe
zu verstehen ist – man beachte in diesem Zusammenhang auch die Gesamtkonzeption
der Äste und des Bildausschnitts (Herzform?).
Ossian statt Klassizismus
Gehen wir noch einmal ganz kurz zurück zum Mönch
am Meer. In welche Himmelsrichtung schaut dieser Mönch wohl? Wir
wissen es nicht, aber die Antwort ist unausgesprochen klar: nach Norden.
Und die Pseudosachverständigen, die an dem Bild vorbeigehen, haben
es sofort begriffen: Es zeigt den Einschlag des Nordens, den Einfluss Ossians,
der den Süden als Identifikations- und Zielpunkt klassischen Denkens
in der Romantik ablöst. Jetzt hält der Norden Einzug in die Malerei
und setzt den Konventionen der Klassik ein Ende. Die Landschaftsentwürfe
unterscheiden sich grundlegend von denen des Klassizismus. Philipp Otto
Runge sagt dazu folgendes:
Wie können wir nur
denken, die alte Kunst wiederzuerlangen? […] Und was soll nun herauskommen
bei all dem Schnickschnack in Weimar, wo sie unklug die bloßen Zeichen
etwas wieder hervorrufen wollen, was schon dagewesen? Ist denn das jemals
wieder entstanden? Ich glaube schwerlich, daß so etwas Schönes,
wie der höchste Punkt der historischen Kunst war, wieder entstehen
wird, bis alle verderblichen neueren Kunstwerke einmal zugrunde gegangen
sind, es müßte denn auf einem ganz neuen Wege geschehen, und
dieser liegt auch schon ziemlich klar da, und vielleicht käme bald
die Zeit, wo eine recht schöne Kunst wieder erstehen könnte,
das ist in der Landschaft. Wir können wohl sagen, daß es eigentlich
noch keine rechten Künstler darin gegeben hat, nur so hin und wieder
einige, und grade in den neuern Zeiten, die den Geist der Kunst auch hierin
geahnet haben.
(zit nach: Eckart Klessmann, Die Welt der
Romantik, Desch-Verlag, München 1969, S. 97 f.)
Es geht um eine neue Kunst, um ein Gesamtkunstwerk,
das Äußeres und Inneres verbindet, das verschiedene Sinne anspricht
und den Betrachter auffordert zu „symphilosophieren", wie es die Frühromantiker
des Schlegel-Kreises nannten.
Betrachten wir z.B. dazu das Eismeer,
in dem das vergleichsweise kleine Schiff „Hoffnung" zum Spielball der zerstörerischen
Naturgewalten geworden ist – wobei man sich vergegenwärtigen sollte,
dass es Caspar David Friedrich nicht darum ging, die Natur als zerstörerisch
darzustellen. Sie dient lediglich als Metapher für die Zerstörung
der Hoffnung in Kälte und Eis, ein Zustand, den Caspar David Friedrich
in den zwanziger Jahren immer häufiger in seinem Leben selbst zu erfahren
glaubte. In dem Bild Das Eismeer wird das Schiff – schon seit vielen
Jahrhunderten in Malerei und Literatur ein Sinnbild für das Leben,
die Fahrt über einen weiten Ozean – vom Packeis zermahlen. Das Gemälde
trug anfangs den vielsagenden Titel „Die gescheiterte Hoffnung".
Dieser Titel muss sich nicht unbedingt auf das Schiff beziehen; gemeint
sein kann damit auch die gegenwärtige Weltlage der 20er Jahre des
19. Jahrhunderts. Eiswüste, Erstarrung, ewiger Winter – diese Metaphern
passten auch zu der Situation der Restaurationszeit, und Caspar David Friedrich
war alles andere als ein unpolitischer Mensch. Wir werden auf diesen Aspekt
zurückkommen, wenn wir über Müllers (1821-24) bzw. Schuberts
(1827) Winterreise reden.
Wie auch immer: „Romantik" – das hat auch in der Malerei
nichts zu tun mit schöner Natur, Idylle, Vollmond, röhrendem
Hirsch u.ä., sondern es finden sich wie in der Literatur und in der
Musik auch Motive der Kälte, der Vergänglichkeit, der Melancholie
und inneren Leere.
