G. E. Lessing, Emilia Galotti

Die folgende Darstellung ist entnommen aus:
Lehmann, Jakob (Hrsg.): Kleines deutsches Dramenlexikon. Königstein/Ts, Athenäum, 1983, S. 234 ff.

Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. Begonnen 1757, vollendet 1772/U: 13.3.1772 in Braunschweig. Text: Reclam Universal-Bibliothek 45.
 

Inhalt:

Seit seiner ersten, zufälligen Begegnung mit dem Bürgermädchen Emilia Galotti ist der labile und egozentrische Prinz von Guastalla von dem Gedanken besessen, dieses Mädchen zu besitzen. Als er von ihrer unmittelbar bevorstehenden Hochzeit mit dem Grafen Appiani erfährt, gibt er in seiner Verzweiflung dem Marchese Marinelli, seinem intriganten Kammerherrn und Vertrauten, freie Hand, alles zu tun, um die Heirat zu verhindern. Dieser läßt das Paar durch zwei bezahlte Verbrecher auf dem Wege zur Trauung überfallen und Appiani ermorden. Der Überfall ereignet sich in der Nähe des prinzlichen Lustschlosses Dosalo, so daß Marinelli einige seiner Bediensteten den Überfallenen scheinbar zu Hilfe eilen lassen kann. Emilia wird zusammen mit ihrer Mutter, Claudia Galotti, auf das Schloß in "Sicherheit" gebracht. Claudia erkennt schon bald die wahren Zusammenhänge - im Gegensatz zu Emilia, die sich, durch die Ereignisse völlig verstört, beinahe willenlos in ihr Schicksal fügt. Die Lage spitzt sich zu, als Odoardo Galotti, Emilias Vater, auf das Schloß kommt. Er trifft dort die Gräfin Orsina, die wegen Emilia verlassene ehemalige Geliebte des Prinzen, und erfährt durch sie von Appianis Tod und seinen möglichen Folgen für Emilia. Am Ende des Gesprächs gibt Orsina Odoardo einen Dolch, damit er sie und Appiani räche. Der alte Galotti jedoch zwingt sich zur Ruhe; er will die Rache selbst dann noch Gott überlassen, als er hört, daß der Prinz Emilia von ihren Eltern trennen und in das Haus seines Kanzlers bringen lassen will, bis der Überfall völlig aufgeklärt sei. Als Odoardo gerade im Begriff ist, das Schloß zu verlassen, trifft er auf Emilia. Obwohl diese mittlerweile den wirklichen Sachverhalt erahnt, fürchtet sie, den Verführungen des Hoflebens zu erliegen. Sie glaubt ihre Ehre nur durch den Tod retten zu können und fleht Odoardo an, ihr den Dolch zu geben oder sie selbst zu töten. Nach einigem Zögern gibt Odoardo ihrem Drängen schließlich nach und ersticht sie.
 

Interpretation:

Lessing greift in seinem Stück ein oft bearbeitetes Motiv auf: die von Titus Livius in Ab urbe condita (Vom Ursprung der Stadt) III erzählte Legende von der Römerin Virginia, die von ihrem Vater getötet wird, weil dies der einzige Weg ist, sie vor der Willkür des Decemvirn Appius Claudius zu bewahren. Bei Livius ruft die Tat von Virginias Vater einen Volksaufstand hervor, in dessen Verlauf die Decemvirn zurücktreten müssen und Appius Claudius ins Gefängnis geworfen wird, wo er sich schließlich selbst tötet.

Lessing weicht in einem ganz entscheidenden Punkt von seiner literarischen Vorlage ab, indem er darauf verzichtet, die Tat Odoardos als Anlaß für einen Volksaufstand darzustellen. In einem Brief an seinen Bruder Karl schreibt er am 1. 3. 1772: "Du siehst wohl, daß es weiter nichts als eine modernisirte, von allem Staatsinteresse befreyete Virginia seyn soll." (Müller, 1971: 50). Ähnlich äußerte sich Lessing schon in einem Brief an Friedrich Nicolai vom 21. 1. 1758, also zu Beginn seiner Beschäftigung mit dem Stoff. Dies läßt darauf schließen, daß Lessing sein Stück nicht als konkrete Darstellung bestehender Herrschaftsformen verstanden wissen wollte. Die oft vertretene Auffassung, das Drama thematisiere den Klassengegensatz von Bürgertum und Adel, kann in dieser Form schon deshalb nicht aufrechterhalten werden, weil der Dichter erstens die Handlung des Dramas an einen politisch unverfänglichen Ort verlagert und weil zweitens eine genaue ständische Klassifizierung der Personen recht problematisch ist. Der Prinz beispielsweise zeigt mit seinem Hang zur Empfindsamkeit durchaus spezifisch bürgerliche Züge, selbst wenn diese schließlich doch von despotischen Merkmalen überlagert werden.

Dennoch kann Emilia Galotti sicherlich ein politisches Drama genannt werden, denn Lessing zeigt mit seinem Stück, daß die zu jener Zeit erkennbare Tendenz, sich in den privaten Bereich der Familie zurückzuziehen und sich dort, weitgehend abgeschirmt von der politischen Öffentlichkeit, der Pflege moralisch-religiöser Maximen hinzugeben, in ihrer übersteigerten Form letzten Endes gerade zu jener Unaufgeklärtheit und Abhängigkeit beiträgt, die es dem Adel ermöglicht, das Bürgertum zu unterdrücken.

Lessings Darstellung der nicht-höfischen Personen zeigt dies sehr deutlich. Claudia z. B., „die eitle, törichte Mutter", erzählt Odoardo in einem "Tone der Verzückung" (24) von den „Lobeserhebungen" des von „Emilias Munterkeit und ihrem Witze so bezaubert [en]" Prinzen (24), und Marinelli sagt von ihr: „Wenn ich die Mütter recht kenne – so etwas von einer Schwiegermutter eines Prinzen zu sein, schmeichelt die meisten." (45) - Odoardo hingegen, dessen Tugendhaftigkeit immer wieder betont wird, macht sich wegen der Starrheit seiner Überzeugung zum Mitschuldigen. Seine eigensinnige Auffassung, daß nur der Rückzug aus der Gesellschaft die Basis für eine moralische Lebensführung sein könne (vgl. 22f.), führt dazu, daß er sich weigert, Konfliktlösungen woanders als im familiären Bereich anzustreben. In der Auseinandersetzung mit dem Prinzen genügt schon dessen an sich völlig unverbindliches, „schmeichelhaft" gesprochenes Wort: „Fassen Sie sich, lieber Galotti" (73), um Odoardos Impuls, seinen Widersacher zu erstechen, im Keim zu ersticken. Gerade diese Szene zeigt, wie sehr auch der alte Galotti unbewußt dem eingefleischten Begriff der Superiorität des Adels unterliegt.

Emilia selbst schließlich ist, nach Aussage Claudias, „die unbedeutende Sprache der Galanterie zu wenig gewohnt." (28). Eine beinahe ehrfürchtig-schüchterne Haltung spricht aus ihren Worten, als sie erzählt, daß sie den Prinzen getroffen habe: „Raten Sie, meine Mutter, raten Sie – Ich glaubte in die Erde zu sinken – Ihn selbst." (26) Dies zeigt die Ehrfurcht Emilias vor dem Prinzen, und es scheint beinahe, als würde sie sich durch seinen Annährungsversuch geschmeichelt fühlen. Es mag überzogen sein, von ihrer „sensual and sexual attraction to the Prince" zu reden (Poynter, 1977:84), doch wird allein schon dadurch, daß sie am Ende des Stückes einräumt, den Verführungskünsten des Prinzen nicht standhalten zu können (77), zumindest ihre Unfähigkeit offenbar, sich im öffentlichen Leben zurechtzufinden. Emilias Tod ist demnach letztlich die – subjektiv – notwendige Konsequenz aus dem unauflösbaren Zwiespalt zwischen ihrer streng religiösen Erziehung zur Tugend und deren drohendem Scheitern in der Realität; er ist die tragische Konsequenz einer in der Konfrontation mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit versagenden Lebenseinstellung. Herder deutet das an, wenn er schreibt: „Der Alte hat eben so wohl, als das erschrockene Mädchen in der betäubenden Hofluft den Kopf verloren; und eben diese Verwirrung, die Gefahr solcher Charaktere in solcher Nähe wollte der Dichter schildern" (Müller, 1971:70).

Dies darf nun natürlich nicht zu der irrigen Schlußfolgerung führen, Lessing habe in seinem Drama die Moral- und Tugendlehre seiner Zeit angreifen wollen. Das Gegenteil ist der Fall. Lessing geht es als führendem Denker seiner Zeit durchaus darum, auf das "Ideal einer moralischen Welt" hinzuarbeiten (Scherpe, 1977:262), indem zunächst „die eigene sittliche Vervollkommnung als Bedingung bürgerlicher Emanzipation" angestrebt wird (Scherpe, 1977:262). Der politischen Emanzipation hatte also der Aufbau eines eigenen, bürgerlichen Wertesystems vorauszugehen – eines Wertesystems, das mit den Eckpfeilern Moral, Religion und Tugend der höfischen Lebensweise diametral entgegengesetzt war. Nur sah Lessing in dem Streben nach dem Ideal eben auch die Gefahr, daß der Strebende, das Bürgertum also, dabei den Bezug zur Realität verlieren könne. Es ging Lessing als Aufklärer nämlich nicht darum, im Stile der damals weitverbreiteten "Moralischen Wochenschriften" Moral und Tugend als Selbstzweck zu propagieren. Vielmehr betrachtete er diese Werte als notwendige Grundlage für eine bessere Gesellschaft, die wiederum – und hier liegt der eigentlich politische Charakter von Lessings Werk – zu jener Zeit praktisch nur vom Bürgertum geschaffen werden konnte, weil der Adel als zu dekadent angesehen wurde, um als Träger einer zukünftigen besseren Gesellschaft betrachtet werden zu können. Daß Lessing dennoch auch Adligen grundsätzlich die Möglichkeit zugestand, zukunftsbildend zu wirken, zeigen Figuren wie z. B. Appiani.

Von hier aus erklärt sich auch die in der Rezeption der Emilia Galotti damals wie heute heftig umstrittene Schlußszene des Dramas. Trotz aller Irritation, mit der schon die Zeitgenossen Lessings auf die Szene reagierten, war für Lessing der Schluß seines Dramas zwingend. Auf das Gerücht hin, daß er den Schluß des Stückes verändert habe, schreibt Lessing an seinen Bruder Karl: "Was will man denn, das ich daran ändern soll?" (Müller, 1971:50). Das Unbehagen vieler Kritiker an der Tat Odoardos und an deren Motivation im Stück mag subjektiv zwar berechtigt sein, basiert aber auf einer falschen Prämisse: Es wird meist stillschweigend angenommen, Lessing habe gerade jene Wirkung erzielen wollen, die er damals tatsächlich mit seinem Dramenschluß erzielt hat: Rührung ob der edlen Gesinnung der Protagonisten auf der Bühne und Bestätigung in dem Vorsatz, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Dabei wird die Möglichkeit nicht in Betracht gezogen, daß Lessing sein Publikum einfach überschätzte, indem er dessen Fähigkeit voraussetzte zu begreifen, daß weder der Rückzug aus der  Gesellschaft noch deren radikale Umwälzung durch ein noch nicht in sich gefestigtes Bürgertum eine Möglichkeit sei, zu einem besseren Staatswesen zu finden.

Eine Tragödie soll nach Lessing „Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten" verwandeln (Hamburgische Dramaturgie, 78. Stück). Hier liegt der zentrale Punkt in Lessings Dramaturgie: Er fordert, daß durch die Tragödie beim Zuschauer nicht nur Gefühle wie Mitleid mit der leidenden Person" und Furcht davor erweckt werden, daß die Unglücksfälle, "die wir über diese verhängt sehen, uns selbst treffen können" (Hamburgische Dramaturgie, 75. Stück), sondern daß die Stärke dieser Gefühle gesteuert wird. Hinter dieser Forderung steht Lessings Überzeugung, daß sowohl ein Mangel als auch ein Übermaß an gefühlsmäßiger Anteilnahme dem Lernerfolg des Publikums abträglich seien. Das gefühlsmäßige Engagement muß dem intuitiven Erfassen von Zusammenhängen Raum lassen. Daß er dieses Ziel mit seiner Emilia Galotti nicht erreichte, ist Lessing nur zum Teil selbst anzulasten – die Zeit war noch nicht reif für seine Gedanken. Friedrich Nicolai spricht das aus, wenn er an Lessing schreibt: „Die Emilia ist ein Rock auf den Zuwachs gemacht, in den das Publicum noch hinein wachsen muß" (Müller, 1971:61).

Literatur:

1. Emilia Galotti, Stuttgart 1973: Reclam Universal-Bibliothek 45 -Ebenfalls in.- Gotthold Ephraim Lessings sämtliche Schriften. Hrsg. von Karl Lachmann. Dritte, auf's neue durchgesehene und vermehrte Auflage, besorgt durch Franz Muncker. 23 Bände. Stuttgart und Leipzig 1886-1924. Nachdruck Berlin 1968.
2. Durzak, M.: Das Gesellschaftsbild in Lessings Emilia Galotti. In: Lessing Yearbook I, München 1969, S. 60ff. - Heitner, R. R.: Emilia Galotti: An Indictment of Bourgeois Passivity. In: The Journal of English and Germanic Philology 52, 1953. S. 480ff. - Müller, j. D. (Hrsg.): Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart 1971 - Poynter, J.: The Pearls of Emilia Galotti. In: Lessing Yearbook ix, München 1977, S. 81ff. - Scherpe, K. R.: Historische Wahrheit auf Lessing Theater, besonders im Trauerspiel Emilia Galotti«. In: E. P. Harris, R. E. Schade (Hrsg.): Lessing in heutiger Sicht. Beiträge zur Internationalen Lessing-Konferenz Cincinnati, Ohio 1976. Bremen 1977, S. 259ff. - Seeba, H. C.: Die Liebe zur Sache: Öffentliches und privates Interesse in Lessings Dramen. Tübingen 1973.

 
 

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