Vorbemerkungen

Das hier vorgestellte Modell, ein Unterrichtsbericht, basiert auf einer Unterrichtseinheit, die im Frühjahr 1980 in der damaligen Klasse 11 c des Gymnasiums am Hoptbühl in Villingen-Schwenningen gehalten wurde. Von einigen Details abgesehen, wird die in der Praxis realisierte Konzeption des Unterrichts wiedergegeben, wobei der Schwerpunkt auf der Beschreibung und methodischen Begründung derjenigen Phase der Einheit liegen soll, die im Rahmen der Gesamtplanung dieses Hefts von vorrangiger Bedeutung ist. Um eine Präsentation im Netz zu vereinfachen, wurde darauf verzichtet, die Fußnoten, Literaturhinweise und Belege aufzunehmen, die sich in dem Aufsatz selbst finden.

Der Aufsatz ist nachzulesen in DU 2/81, S. 81 ff.

Der Fall Woyzeck

Eine Gerichtsverhandlung als inszenierter Leseprozeß

 

Ein Leseprozess im Unterricht: Die Gerichtsverhandlung

Büchners Woyzeck läuft den eher konsumierenden- häuslichen Lesegewohnheiten der Schüler völlig zuwider. Das Stück erfordert vom Schüler ein hohes Maß an Bereitschaft, bewußt zu lesen und selbständig zu denken, denn vieles bleibt in diesem Text unausgesprochen. Kaleidoskopartig ziehen Figuren, Motive und Schauplätze am Leser vorbei, und jede Szene bringt Neues, Unerwartetes.

Es fällt schwer, sich gleich nach der ersten Lektüre alle Eindrücke zu vergegenwärtigen und sie miteinander zu verbinden. Wer ist dieser Woyzeck? Ein Mörder, ein Verrückter, ein Unglücklicher? Und was treibt ihn zum Mord? Liebe, Haß, die "Umstände"? In allem steckt ein Körnchen Wahrheit, und es ist zu fragen, woher es kommt, daß das Drama so viele Deutungsmöglichkeiten zuläßt. Ohne Zweifel trägt der fragmentarische Charakter des Werks wesentlich zu dieser Offenheit bei, aber er ist nicht letztlich ausschlaggebend dafür. Die eigentliche Ursache für die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten liegt wohl eher in der Vielzahl der Perspektiven dieses Dramas begründet. Woyzecks wirkliches Wesen kommt nur indirekt zum Vorschein, es setzt sich im wesentlichen aus den verschiedenen Bildern zusammen, die die übrigen Personen von ihm übermitteln. Woyzeck ist keine ganzheitliche Gestalt wie etwa die Hauptperson eines klassischen Dramas. Er wird vielmehr "gemacht" von anderen, von der Gesellschaft. Sie ist es, die für seinen Geisteszustand verantwortlich ist, und durch sie wird er letztlich zu seiner Tat getrieben.' Er ist eher das Werkzeug anderer als eine in sich geschlossene, sich selbst bestimmende Persönlichkeit. Der Doktor betrachtet ihn als Versuchsobjekt, Andres hält ihn für krank, der Hauptmann amüsiert sich über seine "Dummheit" und kritisiert seine "Unmoral" usw.

Diese Vielzahl von Perspektiven muß sich der Leser aneignen, und es ist unumgänglich, daß er selbst sich sein eigenes "Woyzeck-Bild" entwirft, das zwischen den einzelnen Teilperspektiven liegt, indem er diese miteinander verbindet und mit Elementen des eigenen Verstehenshorizonts ausfüllt.

Wenn nun die Frage, wer Woyzeck wirklich ist, nur durch die Untersuchung seiner Reaktion auf Impulse von außen geklärt werden kann, so empfiehlt sich ein methodisches Vorgehen, das zunächst diese Impulse genauer untersucht, um erst dann die Person des Woyzeck selbst näher zu beleuchten und nach dem Einfluß der äußeren Faktoren auf ihren Gemütszustand zu fragen.

Durch die Unterrichtsform der Gerichtsverhandlung wird der oben dargestellte Leseprozeß in Szene gesetzt. Die einzelnen Textperspektiven werden produktiv ausgestaltet, und damit wird die gesamte Perspektivität des Texts von den Schülern selbständig auf indirektem Wege erkannt. Die Schüler müssen nämlich bei der Niederschrift der Zeugenaussagen die Rolle der einzelnen Personen übernehmen, deren Einstellung zu Woyzeck erfassen und diese gleichzeitig kritisch aus der Distanz beurteilen. Dieses Wechselspiel von Innensicht und Außensicht, von Rollenübernahme und Rollendistanz vermittelt nicht nur Einblicke in die einzelnen Personen und damit in die Determinanten von Woyzecks Selbstverständnis und seiner Handlungsweise, sondern es fördert zugleich die Rollenflexibilität der Schüler.

Darüber hinaus spricht noch ein weiterer Aspekt für diese Methode. Die Zeugenaussagen, das Verhör Woyzecks, das Gutachten eines Psychologen, die Plädoyers und schließlich der Richterspruch bilden in dieser Reihenfolge einen Lernprozeß auf der Basis hermeneutischer Verstehenstheorie. Die den Schülern durch den jeweiligen Gestaltungsauftrag abverlangte Aufgabe wird immer komplexer. Der jeweils erreichte Kenntnisstand wird immer durch die nachfolgende Aufgabe vertieft und erweitert, wobei – und das ist das eigentlich Wichtige – die weiterführenden Anstöße nicht vom Lehrer kommen, sondern von den Schülern selbst in kreativer Auseinandersetzung mit dem Text erarbeitet werden. Der Richterspruch bildet mit seiner Begründung am Schluß dieses Teils der Unterrichtseinheit die Synthese des Vorangegangenen. Er ist der äußere Ausdruck des Bildes, das sich der Schüler im Verlauf seines Leseprozesses von Woyzeck und den Personen um ihn gemacht hat. Dieses Bild ist freilich subjektiv. Die Schüler heben ihre historische Distanz zum Text auf, indem sie gewissermaßen aus dem Text heraus frei gestalten. Es sind also weitere Unterrichtsschritte notwendig, um die historische Distanz wiederherzustellen und damit eine Analyse der Entstehungsbedingungen des Dramas und seiner Rezeptionsgeschichte zu ermöglichen und um letztlich auch – zumindest im affektiven Bereich – die Erfahrung der Relativität des eigenen interpretatorischen Standpunkts zu vermitteln. Diese Unterrichtsschritte werden nur kurz umrissen, weil es uns in erster Linie um die Darstellung eines "Leseprozesses im Unterricht" ging, und weil sie sich in ihrer Art wohl kaum von der allgemeinen Form der Behandlung eines literarischen Werks auf der Oberstufe unterscheiden.

Textorientierte Vorgestaltung: Der Mordfall

Wie für viele Dramen, so kann auch für die Lektüre von Büchners Woyzeck keine Motivation der Schüler vorausgesetzt werden. Die Problematik des Texts ist den meisten zunächst fremd, weil sie, bedingt durch die für sie ungewohnte Sprache und den fragmentarischen Charakter des Dramas, beim ersten Lesen des Dramas alle Aufmerksamkeit darauf verwenden müssen, die ganz vordergründige Handlung zu verstehen. Dabei besteht die Gefahr, daß sie eine affektive Barriere diesem Stück gegenüber aufbauen, die im Verlauf des Unterrichts nur schwer wieder aus der Welt zu schaffen ist. Es kommt also darauf an, der eigentlichen Behandlung des Stoffes einen Unterrichtsschritt voranzustellen, der die Schüler zur Lektüre des Dramas motiviert, da ohne Motivation Lern- bzw. Verstehensprozesse kaum in Gang gebracht werden können. Eine von vielen Möglichkeiten, das für einen sinnvollen und für den Schüler interessanten Unterricht notwendige Maß an Motivation wenigstens annähernd zu erreichen, ist die „textorientierte Vorgestaltung". Gerade für die oben umrissene Behandlungsweise des Woyzeck schien uns dieser Einstieg sinnvoll, weil er die Schüler in keiner Weise lenkt, sondern vielmehr den Aufbau individueller Erwartungshorizonte ermöglicht.

Noch bevor die Schüler überhaupt wußten, worum es in den folgenden Stunden gehen sollte, wurde ihnen der folgende Text ausgegeben:
 

Nachricht im Lokalteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung' vom 23. Juni 1971:

Mordfall in der Sandgasse

Opfer eines brutalen Mordes wurde vorgestern nacht die die 46jährige Witwe des vor einigen Jahren verstorbenen Chirurgen Woost. Die durch sieben Messerstiche entstellte Leiche der Frau wurde von Arbeitern entdeckt, die auf dem Weg zur Frühschicht waren. Als Täter wurde der Freund der Witwe, ein 41jähriger Friseur, ermittelt. Die Polizei faßte ihn am späten Vormittag, als er ziellos durch die Straßen irrte. Über das Tatmotiv herrschte bei Redaktionsschluß noch Unklarheit.


Aufgabe der Schüler war es nun, einen Bericht vom darauffolgenden Tag zu verfassen, in dem das Tatmotiv genannt und die Person des Mörders näher beschrieben wird. In der Hauptsache wurde von den Schülern die Eifersucht als Motiv gewählt, allerdings einsichtigerweise ohne soziale Implikationen. Des weiteren wurden Trunksucht, Affekt und psychische Zerrüttung genannt, vereinzelt auch der Versuch gemacht, die Trunksucht mit schlechten sozialen Verhältnissen in Verbindung zu bringen.

Geleistet wird durch diese Vorgestaltung zweierlei: einmal nimmt sie das Ende der Begebenheit vorweg und lenkt das Augenmerk der Schüler auf die Hintergründe dieses Schlusses, so daß sie auch bei der Lektüre des Woyzeck' verstärkt darauf achten, wie es zu dem Mord kommt. Zum anderen werden die Schüler automatisch versuchen, den eigenen Entwurf mit dem Original zu vergleichen, und dadurch eher zum Lesen des Dramas motiviert sein. Auf jeden Fall wird das Interesse für die von Büchner gewählte "Version" verstärkt.

Ausgestaltung der Textperspektiven: Protokolle der Zeugenaussagen

Nachdem der Erwartungshorizont der Schüler hinsichtlich der von Büchner beschriebenen Problematik formuliert worden war, mußte die aus der Differenz zwischen eigenem Entwurf und Original gemachte Erfahrung der Schüler für den weiteren Verlauf des Unterrichts nutzbar gemacht werden. Dies geschah in der Form, daß die Schüler das, was sie an dem Drama beachtenswert fanden, in den Entwurf eines Katalogs relevanter Aspekte für das Verfassen von Gerichtsprotokollen einbringen sollten, wobei es nicht um die Erstellung von formal einwandfreien Gerichtsprotokollen ging, sondern vielmehr um eine Mischung aus Personenbeschreibung, Regieanweisung und Protokoll. Es finden sich also zahlreiche Punkte, die in wirklichen Gerichtsprotokollen fehlen, die aber für eine sinnvolle Durchführung der Dramenbehandlung unverzichtbar erscheinen. Die folgenden Aspekte und Fragestellungen wurden von den Schülern als zentral herausgearbeitet:

a) Aussehen, Sprechweise und Auftreten der Zeugen
b) Weiches Bild entwerfen sie von Woyzeck? Welche Aussagen belasten, bzw. entlasten ihn? Inwieweit wird Woyzeck bzw. der Zeuge selbst durch seine Aussage charakterisiert?
c) Welche Absicht verfolgen die einzelnen Zeugen? Erreichen sie diese Absicht? .

Diese drei Punkte sollten den einzelnen Arbeitsgruppen als Hilfe für das Abfassen der Verhandlungsprotokolle dienen. Dabei hatten die Gruppen aber die Möglichkeit, sie je nach Bedarf zu erweitern oder zu verändern. Die Arbeiten wurden zwar frei formuliert, mußten aber einzelne, von den Schülern ausgewählte Kernsätze im authentischen Wortlaut enthalten. Dadurch wurde der Unterrichtsform zwar an Kreativität genommen, dafür aber einer Entfernung vom Text vorgebeugt. Die Fragen von Richter, Rechtsanwalt und Staatsanwalt waren im Grunde nichts anderes als getarnte Fragen an den Text. Durch sie wurde sowohl die Rolle deutlich gemacht, die jede einzelne Person im Stück spielt, als auch die Verbindung der einzelnen Spielfiguren untereinander umrissen. Doch das waren eher Nebeneffekte. In der Hauptsache kam es darauf an, daß die Schüler mit der Auswahl sinnvoller Fragen und Antworten die Perspektivität der verschiedenen Sichtweisen begriffen haben mußten. Und in der Tat zeigten die Resultate, daß die Schüler durch diese Vorgehensweise sehr genau erkannt hatten, wie die einzelnen Personen zu Woyzeck stehen. Das war auch die Voraussetzung dafür, daß sie später bei dem Verhör Woyzecks dessen Perspektive einnehmen konnten.

Die größte Schwierigkeit in dieser Phase des Unterrichts liegt darin, die Zahl der für die Niederschrift der Zeugenvernehmung notwendigen Stunden auf ein Mindestmaß zu beschränken, ohne damit die Qualität der Beiträge zu mindern. Deshalb wurde das arbeitsteilige Vorgehen gewählt, dessen Mängel natürlich auf der Hand liegen: Die Schüler beschäftigen sich nicht mit allen auftretenden Personen gleichermaßen, und es besteht so die Gefahr, daß der Zusammenhang, daß die Verbindung der Personen untereinander und die Beziehung zu Woyzeck teilweise verlorengeht, so daß es zu keiner ganzheitlichen Interpretation kommt. Dem vorzubeugen und gleichzeitig den Unterrichtsgang aufzulockern, wurden immer wieder Zäsuren gesetzt, die eine Diskussion über Stand und Inhalt der einzelnen Arbeiten ermöglichten und in denen auch versucht werden konnte, Querverbindungen, z. B. zwischen Hauptmann und Doktor in ihrer Beziehung zu Woyzeck herzustellen. Gerade diesen beiden Personen wurde im übrigen besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Zwei der vier Gruppen hatten jeweils das Verhör eines der beiden abzufassen, so daß eine gründliche Beschäftigung mit diesen beiden Hauptzeugen gewährleistet war.

In der Praxis zeigt sich, daß die gestellte Aufgabe gar nicht so einfach ist. Die Schüler verstehen beispielsweise den Dialog Woyzecks mit dem Hauptmann oft zu vordergründig, und es bedarf doch einiger Anregungen (z. B. zur Untersuchung der Wortwahl, der Argumentationsweise und Argumentationsebene), die den Schülern natürlich keine Ergebnisse liefern sollen, sondern als Hinweis darauf gedacht sind, was sich für die Aufgabe zu untersuchen lohnt, bzw. was überhaupt alles untersucht werden kann.

Hauptmann und Doktor wurden schließlich von den Schülern als Zerrbilder von Vertretern der herrschenden Schicht erkannt und dargestellt. Sie zeigten, daß die beiden Woyzecks Verhalten und seine Argumente nicht nur nicht verstehen, sondern daß sie ihn sogar selbst massiv unterdrücken. Vor allem die Personenbesehreibungen der beiden erbrachten teilweise sehr gute Ergebnisse, doch dauerte das Abfassen der Verhöre auch wesentlich länger als geplant. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Die Synthese: Verhör Woyzecks und psychologisches Gutachten

Mit der Vernehmung der Zeugen war die zweite Phase der Interpretation abgeschlossen. Die Aussagen von Hauptmann und Doktor, von Andres, der auf Woyzecks Wahnvorstellungen verwies, und vom Juden, der sein Auftreten beim Kauf des Messers schilderte, von Käthe, die über ihren Tanz mit ihm berichtete und seine Worte zu rekapitulieren suchte, und vom Tainbourtnajor, der sich über Woyzeck erhaben fühlte, ihn belachte – alle diese Aussagen hatten zusammen tatsächlich das Bild einer "armen Kreatur" entworfen, die nicht handelt, sondern 'gehandelt wird'. Es war untersucht worden, wie die einzelnen Figuren Woyzeck sehen, wie sie auf ihn einwirken und welches ihre Motive sind. Das Netz von Abhängigkeiten und Unterdrückung war gezeigt worden, und es hatte jetzt die Frage im Vordergrund zu stehen, wie sich dies alles nun auf Woyzeck auswirkt. Bevor jedoch mit der Niederschrift des Verhörs begonnen wurde, sollten die Schüler Kernstellen für die Charakteristik Woyzecks suchen und diese dann in Form wichtiger Merkmale seiner Persönlichkeit zusammenfassen. Erreicht werden sollte damit eine gewisse Sensibilisierung für indirekte Darstellungsmittel. Gerade bei Dramen fällt es den Schülern oft schwer, die einzelnen Personen allein auf Grund eigener Äußerungen oder Aussagen anderer präzis zu erfassen. Diese „diagnostische" Fähigkeit ist jedoch gerade bei Woyzeck sehr wichtig, weil die Frage nach seiner psychischen „Abnormität" und deren Hintergründen eine zentrale Bedeutung hat. Die Schüler werden durch diesen Arbeitsauftrag gezwungen, genau zu untersuchen, wie die anderen Personen auf Woyzeck einwirken, bzw. was ihr Verhalten bei ihm anrichtet. Sie erkennen damit nicht nur, wie nach und nach ganz konsequent eines zum andern kommt, bis das Unheil schließlich nicht mehr abzuwenden ist, sondern diese Vorgehensweise hat auch den Nebeneffekt, daß die Schüler mit Woyzecks Sprechweise vertrauter werden, was ihnen die Arbeit beim Entwurf des Verhörs erleichtert.

Das Verhör selbst wurde in arbeitsgleicher Gruppenarbeit entworfen, weil es den Kern der Gerichtsverhandlung darstellt. Die Schüler legten bei ihren Arbeiten besonders auf drei Aspekte großen Wert:

a) die materielle Lage Woyzecks,
b) seine Beziehung zu Marie,
c) seine Halluzinationen.

Nach einer eingehenden Diskussion der Entwürfe hatten sich die Schüler bereits ein relativ festes Bild von Woyzeck selbst und von Büchners möglicher Aussageabsicht gemacht, das es nur noch zu fixieren galt. Dies sollte durch den Entwurf des Gutachtens eines Psychologen geleistet werden, der Woyzecks Zurechnungsfähigkeit zu untersuchen hat und dabei auch Faktoren wie z. B. das Experiment des Doktors berücksichtigen muß. Die Schüler kamen ziemlich einhellig zu dem Ergebnis, daß der Mord an Marie eine Art „Ventilfunktion" für Woyzeck hat. Woyzeck wurde als ein von beinahe allen unterdrückter Mensch gesehen, dem es auf Grund seiner schlechten Bildung nicht möglich ist, diese Unterdrückung rational zu erfassen, der aber nichtsdestoweniger stark darunter leidet. In diesem Zusammenhang tauchte auch der Gedanke auf, daß es für Woyzeck doppelt schmerzlich sein muß, sich als Versuchsobjekt des Doktors körperlich zu ruinieren, um Marie und das Kind unterstützen zu können, und dann zu erfahren, daß Marie ihn gerade mit dem Tambourmajor betrogen hat, dessen körperliche Überlegenheit außer Zweifel steht. Diese Erfahrung habe, so schreiben einige, „das Faß zum Überlaufen gebracht". Marie wurde neben dem Kind als der Gegenpol betrachtet, der Woyzecks inneres Gleichgewicht aufrechterhalten konnte. Die Belastung wird für ihn in dem Moment zu groß, als ihm mit Marie diese letzte psychische Ausgleichsmöglichkeit verlorengeht.

Die Plädoyers in der nun folgenden Aufführung der Gerichtsverhandlung sollten nach einer zu Hause stichwortartig entworfenen Skizze frei gehalten werden. Vor der „Urteilsverkündung" wurden die Paragraphen 20 und 21 aus dem Allgemeinen Teil des Strafgesetzbuches auf den Fall angewandt und diskutiert, um zu unterstreichen, daß das Drama bisher aus der Sicht unserer Zeit und unserer Gesellschaft interpretiert wurde.

§ 20: Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen

Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder wegen einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.

§ 21: Verminderte Schuldfähigkeit

Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, aus einem der in § 20 bezeichneten Gründe bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die Strafe nach § 49 Abs. 1 gemildert werden.
 

Die weiteren Schritte


Die Aufführung der Gerichtsverhandlung bildete den Abschluß des am Text orientierten Teils der Unterrichtseinheit. Die Schüler hatten ihre eigene Position gegenüber dem Drama dokumentiert und fiktionale Texte mit interpretatorischem Charakter erstellt, die genau das widerspiegelten, was bei dem Leseprozeß vor sich ging; die Absorption des Werkes seitens des Lesers durch den Filter des eigenen Erwartungs- bzw. Vorstellungshorizonts. Ziel der folgenden Unterrichtsschritte war es nun, diesen subjektiven Charakter der Interpretation bewußtzumachen und das Erreichte an Fakten zum biographischen und sozialgeschichtlichen Hintergrund von Büchners Woyzeck zu überprüfen und zu vertiefen.

Durch die Konfrontation mit dem wirklichen "Fall Woyzeck", vermittelt durch die (seinerzeit heftig umstrittenen) Clarus-Gutachten, sollten die Schüler Unterschiede zwischen der historischen Wirklichkeit und ihrer dichterischen Darstellung erkennen, um daraus Vermutungen über Büchners Absichten mit diesem Drama abzuleiten. Der Vergleich des Johann Christian Woyzeck mit Büchners Franz Woyzeck zeigt die Absicht des Dichters, den Fall hinsichtlich der Biographie des Täters zu vereinfachen, um ihn aber gerade dadurch zu einem Paradigma zu machen.

Die Lektüre einiger Briefe Büchners bestärkt den Eindruck, daß dieser die Abhängigkeit des einzelnen von seinem jeweiligen sozialen Umfeld sehr präzis erkannte. Vor allem der Brief an die Familie vom Februar 1834 ist unmittelbar für das Drama aufschlußreich, in dem es u. a. heißt:

„Ich verachte niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden - weil wir durch gleiche Umstände wohl alle gleich würden und weil die Umstände außer uns liegen."

Verstand und Ethik des Menschen sind also bestimmt durch die „Umstände", d. h., durch die gesellschaftliche Lage des einzelnen im weitesten Sinne. Büchner beläßt es indes nicht bei der Beschreibung sozialer Verhältnisse und Zusammenhänge. Sein Haß gegen die bürgerliche Gesellschaft, d. h., gegen diejenigen, die, im Besitz einer lächerlichen Äußerlichkeit, die man Bildung, oder eines toten Krams, den man Gelehrsamkeit heißt, die große Menge ihrer Brüder ihrem verachtenden Egoismus opfern", ist auch im Jahre 1836 noch lebendig.
Demgegenüber steht die Auffassung, Büchner habe schon bald die Aussichtslosigkeit revolutionärer Umtriebe erkannt und sei darüber in tiefen Pessimismus verfallen. Oft wird in diesem Zusammenhang auf den sogenannten „Fatalismus"-Brief und auf Passagen aus Dantons Tod oder Leonce und Lena verwiesen. Neuere Arbeiten zu Büchner bemühen sich jedoch um den Nachweis, daß die sozialkritische, auf Umsturz ausgerichtete, Haltung Büchners bis zu seinem Tode ungebrochen bleibt, und daß diejenigen brieflichen Äußerungen Büchners, die auf Fatalismus, Resignation o. ä. schließen lassen, meist entweder auf eine momentane Stimmungslage – teilweise durch Krankheit bedingt – zurückzuführen sind, oder ganz einfach ein Mittel darstellen, die wegen Büchners politischer Aktivität besorgte Familie zu beruhigen. Freilich lassen sich damit fatalistisch klingende Passagen etwa aus Dantons Tod' nicht weginterpretieren – Büchners Werke sind zu vielschichtig, als daß sie durch ein Raster wie auch immer gearteter neuer biographischer Erkenntnisse erschöpfend interpretierbar würden –, aber es steht mittlerweile doch außer Zweifel, daß die sozialkritische Haltung Büchners bei der Analyse seines Werks im Vordergrund zu stehen hat, und daß diejenigen Interpretationsansätze, die Büchner für eine primär existentielle, religiöse, fatalistische oder nihilistische Sichtweise vereinnahmen wollen, das eher Perifere seiner Werke in unangemessener Weise überbetonen.

In einem Brief an Gutzkow finden sich folgende Zeilen:
„Die Gesellschaft mittelst der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformieren? Unmöglich. […] Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen. […] Ich glaube, man muß in sozialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volke suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen."

Dies alles deutet darauf hin, daß es Büchner auch in seinem Woyzeck nicht um die Darstellung etwa eines „Leidenden" geht, der dem „tragischen Nexus der Fatalität im Zusammenstoß von Innen und Außen" verfallen ist, wie Kurt May das formuliert. Ohne zu stark zu vereinfachen, kann vielmehr gesagt werden, daß Büchner vielmehr daran liegt, den einzelnen in seiner Abhängigkeit von gesellschaftlichen Faktoren darzustellen und zu zeigen, daß er keinem nebulösen Fatum ausgesetzt ist, sondern einer in ihrer Unmenschlichkeit konkret erfaßbaren Realität.

Das Erarbeiten dieser Realität durch die Lektüre von Briefen Büchners und einiger Texte zur Sozialgeschichte der damaligen Zeit vermittelt nicht nur Einblicke in die Entstehungsbedingungen des Woyzeck und in die mögliche Aussageabsicht des Autors, sondern dient gleichzeitig dazu, bei der Analyse einiger Texte zur Rezeption des Woyzeck Unterschiede zwischen einzelnen Interpretationsansätzen erkennen zu können, um anschließend selbst kritisch Stellung zu beziehen. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Erkenntnis der Schüler, daß es keine „einzig richtige" Interpretation gibt, und somit auch die eigene in ihrer Abhängigkeit von bestimmten Faktoren gesehen werden muß, und daß es notwendig ist, die subjektive Einschätzung des Texts an konkretem Hintergrundmaterial zu überprüfen.


 
 

Zurück zur Homepage